München – Ihre Attacken auf die Kunst häufen sich: Im August klebten sich Aktivisten der Bewegung „Letzte Generation“ in der Alten Pinakothek am Rahmen des Gemäldes „Der bethlehemitische Kindermord“ von Peter Paul Rubens aus dem 17. Jahrhundert fest. Am 14. Oktober bewarfen Aktivistinnen der Organisation „Just Stop Oil“ Van Goghs „Sonnenblumen“ in der National Gallery in London mit dem Inhalt von zwei Dosen Tomatensuppe. Und am Sonntag traf es ein Monet-Gemälde im Museum Barberini in Potsdam, das von zwei Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ eine Ladung Kartoffelbrei abbekam.
Immer häufiger suchen sich Klimaaktivisten berühmte Gemälde, um Aufmerksamkeit auf sich und ihre Ziele zu lenken. Dafür bekamen sie jetzt prominente Unterstützung – zumindest verbal: Der irische Rockmusiker und Umweltschützer Bob Geldof hat Verständnis für den Tomatensuppen-Wurf auf ein berühmtes Gemälde von Vincent van Gogh in London. „Die Klimaaktivisten haben zu 1000 Prozent Recht. Und ich unterstütze sie zu 1000 Prozent“, sagte der 71-Jährige dem Sender Radio Times. Es sei clever gewesen, das Bild „Sonnenblumen“ mit einem Schätzwert von Dutzenden Millionen Euro in dem Wissen zu bewerfen, dass es mit einer Glasscheibe geschützt ist. „Es ist anstößig, van Goghs Genie zu zerstören. Das bringt nichts“, sagte Geldof. Doch so sei die Aktion lediglich lästig gewesen. „Und lästig ist ganz gut.“
Bei der Aktion in der National Gallery ist wie in der Alten Pinakothek „nur“ der Rahmen des Gemäldes beschädigt worden. Den Frauen wird deshalb Sachbeschädigung vorgeworfen. Geldof sagte, er sei jüngst auf der Fahrt durch London von Protesten der Organisation Extinction Rebellion aufgehalten worden. Er sei total sauer gewesen, sagte der Frontman der Gruppe Boomtown Rats. „Aber ich habe nicht gegen sie gewettert. Ich habe gedacht: Wenn ich 18 wäre, würde ich dort sein? Und die Antwort ist ja.“ Geldof betonte: „Sie bringen niemanden um. Der Klimawandel schon.“
Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat die Attacke von Klimaaktivisten auf den Monet dagegen scharf verurteilt. Solche Aktionen seien „durch kein noch so nobles Anliegen zu rechtfertigen“, schrieb Buschmann am Montag im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Aktionen, die fremdes Eigentum beschädigen, sind nicht nur eine Dummheit, sondern auch kriminell.“ Wenn sie sich gegen unersetzliche Kulturgüter richteten, machten sie „besonders fassungslos“.
Der Deutsche Museumsbund hat bereits vor schwerwiegenden Folgen für den Kunstbetrieb gewarnt. „Ein unmittelbarer Kunstgenuss ist so bald nicht mehr möglich – da geht es hin“, sagte der Sicherheitsexperte des DMB und der Hasso-Plattner-Stiftung, Remigiusz Plath. „Wir werden von den Klimaaktivisten instrumentalisiert, um Aufmerksamkeit zu erregen – auf Kosten des Kulturguts.“
Auch Dr. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, übt Kritik an den Attacken auf die Kunst: „Die Pflege von Kunstwerken und ihr Erhalt für die Nachwelt ist eine große, verantwortungsvolle Aufgabe der Museen, die kulturelle Menschheitswerte bewahren. Deshalb ist die Instrumentalisierung für andere, wenngleich berechtigte Interessen, die mit der Gefährdung von Kunst einhergeht, nicht legitim.“ Wird in „seinen“ Museen denn nach der Attacke vom August mehr kontrolliert? „Über Sicherheitskonzepte sprechen wir nicht öffentlich. Wir erwarten aber von Aktivisten, dass sie nicht nur Respekt vor der Natur einfordern, sondern auch Respekt vor der Kultur haben“, so Maaz. cjm