London – Wer geglaubt hat, es kann für die britische Monarchie nach all den Skandalen nicht mehr schlimmer kommen, weiß seit gestern: Der Fall der Royals kennt keine Grenzen. In seinen Memoiren zeigt Prinz Harry Einblicke in ein Leben, das düsterer und kaputter nicht sein könnte. Der 38-Jährige packt in bisher unvorstellbarer Offenheit Geschichten über Gewalt, Sex, Drogenkonsum und üblen Verrat aus. Das Buch, das eigentlich erst am 10. Januar veröffentlicht werden sollte, gelangte bereits am Donnerstag versehentlich in Spanien in den Buchhandel. Seitdem bahnen sich die brisanten Details ihren Weg in die Öffentlichkeit und lassen nicht nur den Briten die Kinnlade herunterfallen.
Dass Harry als Heranwachsender wilde Partys mit viel Alkohol gefeiert hatte, war bekannt. Nun gestand der Prinz, dass auch jede Menge Kokain die Feierlaune gesteigert hätte. Er habe „anders sein“ wollen, schreibt er. „Ich war ein 17-Jähriger, der bereit war, fast alles auszuprobieren, was die festgelegte Ordnung verändern würde.“ Während eines Jagdwochenendes habe er „bei jemandem zu Hause eine Line“ probiert, danach habe er „noch mehr konsumiert“. Dabei ereignete sich der Drogenkonsum offenbar, nachdem sein Vater, Prinz Charles, ihn wegen seines Alkohol- und Marihuana-Missbrauchs in eine Entzugsklinik gebracht hatte.
Rockstar-like gehörte auch ungezügelter Sex zum Partyleben. Sein erstes Mal will Harry im gleichen Alter mit einer deutlich älteren Frau auf einem Feld hinter einem Pub gehabt haben, die ihn „wie einen jungen Zuchthengst“ behandelt habe. Es sei eine „demütigende Episode“ gewesen, resümiert der Prinz. Den größten Fehltritt seiner jüngeren Jahre lastet er aber teilweise auch William und dessen Frau Kate (40) an. Die sollen ihn 2005 ermutigt haben, ein Verkleidungsfest im Nazi-Kostüm zu besuchen – Fotos von Harry mit Hakenkreuz-Armbinde machten bald die Runde und lösten einen Skandal aus. Harry musste Abbitte leisten.
Die schwersten Vorwürfe erhebt der Prinz gegen seinen Bruder William (40), der ihn im Streit vor mehr als drei Jahren sogar zu Boden geworfen haben soll. Auslöser waren demnach Vorwürfe gegen Harrys Frau Meghan (41). „Es ging alles so schnell. Sehr schnell. Er packte mich am Kragen, zerriss meine Kette und warf mich zu Boden“, wo ihn die Scherben eines zerbrochenen Hundenapfs verletzt hätten. Die Rivalität mit dem großen Bruder zeigt sich bereits im Titel des Buches: „Spare“ (zu Deutsch: „Reserve“). So soll sein Vater über ihn nach seiner Geburt gesprochen haben, behauptet Harry. Die einst als unzertrennlich geltenden Brüder stehen sich demnach schon lange in einem bitteren Wettbewerb gegenüber.
Doch Harry beschwört auch Geister aus der Vergangenheit: Die tragischen Umstände des Tods seiner Mutter Diana, die im Jahr 1997 auf der Flucht vor Paparazzi in Paris verunglückte, beschäftigen ihn bis heute. Dem offiziellen Ermittlungsergebnis glaubt er nicht. Er wirft dem Königshaus vor, William und ihm nicht erlaubt zu haben, öffentlich eine Wiedereröffnung der Ermittlungen zu verlangen. Seinem Vater König Charles III. (74) bescheinigt er Gefühlskälte. Der habe ihn nicht einmal in den Arm genommen, als er ihm die erschütternde Nachricht vom Unfall der geliebten Mutter überbrachte.
Und Harry offenbart auch seine gemischten Gefühle gegenüber der langjährigen Nebenbuhlerin Dianas, Camilla (75). Diese sei ihm als „andere Frau“ seines Vaters schon früh ein Begriff gewesen. Nach dem Tod seiner Mutter habe er befürchtet, sie könnte sich als „böse Stiefmutter“ entpuppen. Weil sie Charles glücklich machte, habe er sie in der Familie willkommen geheißen, schrieb Harry. Doch das Flehen der Brüder, ihr Vater möge nicht noch einmal heiraten, blieb demnach ungehört. Charles und Camilla heirateten 2005. Harry wirft ihr wie auch anderen Royals vor, unter der Hand Informationen an die Presse gegeben zu haben.
Keine Reue empfindet der Prinz hingegen dafür, während seines Militärdiensts als Hubschrauberpilot in Afghanistan 25 Talibankämpfer getötet zu haben. „Es war nichts, was mich mit Genugtuung erfüllt hat, aber ich hab mich auch nicht geschämt“, schreibt Harry.
Die Enthüllungen könnten das Königshaus ins Wanken bringen. Dieses „kann nur mit Geheimnissen und fast vollständigem Schweigen funktionieren“, so der Kolumnist und Journalist Steve Richards. Der „Daily Mirror“ titelte: „It’s all over now“ („Jetzt ist alles vorbei“). Die „Times“ bezeichnete die Memoiren als „vernichtend“. Der Palast selbst schwieg zunächst. Schon wird spekuliert, Harry und Meghan könnten ihre Titel als Herzog und Herzogin von Sussex aberkannt werden. Klar scheint indes, dass eine Aussöhnung der zerstrittenen Brüder nun in weite Ferne gerückt ist.