„Klimaterroristen“ ist Unwort des Jahres

von Redaktion

Jury-Begründung: Wahl soll auf Kriminalisierung von friedlichen Aktivisten hinweisen

Marburg – Der Begriff „Klimaterroristen“ ist das Unwort des Jahres 2022. Die Bezeichnung verleumde Aktivisten und deren Proteste für mehr Klimaschutz, begründete die Jury ihre Wahl. Klimaaktivisten würden dabei mit Terroristen „gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert“. Wer den Begriff nutze, stelle gewaltlose Protestformen, zivilen Ungehorsam und demokratischen Widerstand in den Zusammenhang von Gewalt und Staatsfeindlichkeit.

Auch verschiebe sich mit dem Begriff die Debatte: Anstatt um die berechtigten Forderungen der Klimaaktivisten gehe es um Handlungsmöglichkeiten gegen sie.

Auf den zweiten Platz wählte die Sprachjury den Begriff „Sozialtourismus“, der bereits 2013 Unwort des Jahres war. Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz hatte „Sozialtourismus“ im Herbst in Verbindung mit Flüchtlingen aus der Ukraine verwendet und sich nach Kritik für seine Wortwahl entschuldigt. Die Sprachwissenschaftler sehen in dem Begriff eine Diskriminierung von Kriegsflüchtlingen. Das Wort Tourismus verdrehe die Tatsachen. Zudem verschleiere der Ausdruck das grundsätzliche Recht auf Asyl. Den dritten Platz auf der Unwort-Liste erreichte die Formulierung „defensive Architektur“. Damit ist eine Bauweise gemeint, die darauf zielt, Obdachlosen den Aufenthalt in der Öffentlichkeit zu erschweren – etwa durch fehlende Sitzgelegenheiten. Der Begriff stammt aus der militärischen Sprache.

Mit der Unwort-Aktion wollen die Jurymitglieder auf unangemessenen, abwertenden oder verschleiernden Sprachgebrauch aufmerksam machen. Als Unwort kommen beispielsweise Begriffe infrage, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde verstoßen, aber auch Ausdrücke, die gesellschaftliche Gruppen abwerten. In der Jury sitzen vier Sprachwissenschaftler, eine Journalistin und ein Gast.

Der diesjährige Gast-Juror Peter Wittkamp kürte „militärische Spezialoperation“ zu seinem Unwort des Jahres. Es handele sich dabei um eine zutiefst beschönigende Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt und um Propaganda, mit der der Kreml die Welt, Deutschland und sein eigenes Land belüge.

Insgesamt reichten Bürgerinnen und Bürger 1476 Vorschläge für das Unwort des Jahres ein, darunter waren 497 verschiedene Wörter. Besonders häufig wurden die Begriffe (Doppel-)Wumms, Gratismentalität, Klima-Kleber, Klima-RAF, Klimaterroristen, Spezialoperation, Sondervermögen und Sozialtourismus eingereicht.

Anfang Dezember hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache bereits ein Wort des Jahres 2022 gewählt: „Zeitenwende“. Der Begriff hat nach Ansicht der Sprachexperten die öffentliche Diskussion wesentlich geprägt. „Zeitenwende„ wurde prominent von Bundeskanzler Olaf Scholz in Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine genutzt.

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