Istanbul/Damaskus – Die Nacht liegt noch über der Südtürkei und Nordsyrien, als die Erde bebt. Plötzlich wackeln Wände, Asphalt reißt auf, Häuser stürzen ein. Zu spüren sind die Erschütterungen der Erdbeben in Israel, dem Libanon, auf Zypern und im Irak. Noch in der Dunkelheit versuchen Retter in beiden Ländern, Menschen aus den Trümmern zu ziehen. Am Tag nach der Katastrophe zählen Behörden und Hilfsorganisationen auf beiden Seiten der türkisch-syrischen Grenze insgesamt etwa 3000 Tote und rund 15 000 Verletzte.
Im Morgengrauen, als Regen, Schnee und kalter Wind über die Region ziehen, wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Geologische Institute verzeichnen eine Erdbebenstärke von 7,7 bis 7,8. Das Epizentrum lag nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde Afad in der Provinz Kahramanmaras nahe der syrischen Grenze – mit dutzenden Nachbeben. Im Lauf des Tages erschüttert ein weiteres Beben der Stärke 7,5 die Südosttürkei. Allein in der Türkei zählen Behörden mindestens 1762 Tote, Tendenz steigend.
Im Südosten der Türkei sind zehn verschiedene Provinzen betroffen. Aus diesen Regionen kommen Meldungen von Toten, Verschütteten, aber auch Geretteten. Der Sender NTV zeigt, wie ein Mädchen aus den Trümmern geborgen und in Decken eingewickelt weggebracht wird.
Mehr als 2000 Überlebende bergen die Retter aus den Trümmern. In der Provinz Sanliurfa stürzte ein sechsstöckiges Gebäude wie ein Kartenhaus zusammen, wie Videos zeigen. Die Behörden warnen Menschen davor, in ihre Häuser zurückzugehen.
Eine Augenzeugin in Hatay sagt, seit dem Beben sitze sie im Auto. „Es ist kalt und wir wissen nicht, wie wir das durchstehen sollen.“ Gefühlt die Hälfte der Stadt liege in Trümmern. Ersten Schätzungen zufolge sind in der Türkei mindestens 5600 Gebäude eingestürzt, darunter auch ein Krankenhaus in Iskenderun. Das Gemäuer einer historischen Burg in Gaziantep, gebaut von den Römern im 2. Jahrhundert nach Christus, ist zu einem grauen Trümmerberg zusammengefallen.
Haluk Özener, Experte der Erdbebenwarte Kandilli in Istanbul, spricht vom stärksten Erdbeben in der Türkei seit Jahrzehnten. Huseyin Alan, der Vorsitzende der türkischen Kammer für Ingenieurgeologie, kritisiert, dass die Regierung Warnungen von Experten nicht ernst genug genommen habe. „Keines der Ämter, weder das Präsidialamt noch die lokalen Verwaltungen, haben unseren Bericht zur Kenntnis genommen, in dem wir auf die Notwendigkeit von Bodenuntersuchungen vor dem Bau von Gebäuden hingewiesen haben“, sagt er dem „Spiegel“.
Viele Länder sagten der Türkei Unterstützung zu. Trotz schwerer politischer Spannungen gab es einen ersten direkten Kontakt zwischen dem griechischen Regierungschef Kyriakos Mitsotakis und dem türkischen Präsidenten Erdogan seit Monaten. Athen sei bereit Hilfe zu leisten, sagte Mitsotakis nach einem Telefonat. Wie es aus Mitsotakis Büro hieß, habe sich Erdogan bedankt.
Amna, die auf der anderen Seite der Grenze mit ihrer Familie nahe Aleppo in Syrien lebt, kam mit mehreren Knochenbrüchen ins Krankenhaus. „Unser Haus stürzte über unseren Köpfen zusammen. Wir konnten nirgendwo hin“, berichtet sie. „Mein Mann und einige meiner Kinder sind noch unter den Trümmern. Gott helfe mir.“
Syrien ist nach bald zwölf Jahren Bürgerkrieg vielerorts zerstört, die Bevölkerung zermürbt. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten ist die gesundheitliche Versorgung schlecht. In den von Rebellen beherrschten Gegenden bemühen sich Hilfsorganisationen, eine ärztliche Grundversorgung sicherzustellen. Die Folgen der Katastrophe können sie aber unmöglich stemmen. Rami Abdel-Rahman, dessen Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte den Konflikt seit 2011 verfolgt, spricht von hunderten noch verschütteten Familien im Norden Syriens. Der Leiter des Nationalen Erdbebenzentrums sagt, es sei das stärkste Beben in Syrien seit 1995. Teils sind ganze Häuserreihen in sich zusammengefallen, deren Fundamente nach einem Jahrzehnt Krieg und Luftangriffen in Mitleidenschaft gezogen waren.
Besonders hart trifft die Katastrophe auch die syrischen Flüchtlinge, die im Süden der Türkei teils in notdürftigen Unterkünften leben. „Alle haben Angst.“, berichtet Rami Araban von der Hilfsorganisation Care Deutschland aus Gaziantep, wo rund eine halbe Million syrischer Flüchtlinge lebt. M. SCHMITT, J. SADEK, W. HAMZAH, N. EL-SHERIF