München/South Carolina – Die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe Weiße Rose, Traute Lafrenz, ist tot. Sie starb am 6. März im Alter von 103 Jahren im US-Bundesstaat South Carolina, wie die Weiße Rose Stiftung am Donnerstag mitteilte. „Mit Trauer und großer Anerkennung würdigt die Weiße Rose Stiftung ihren mutigen Widerstand und ihr bleibendes Zeugnis. Über Jahrzehnte war Traute Lafrenz eine diskrete und eindrucksvolle Zeugin der Weißen Rose.“
Die Weiße Rose hatte während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland studentischen Widerstand in München organisiert. „Sie war eine Mitwirkende, aber hat kein Heldentum gesucht, sie hat gehandelt, weil sie es für wichtig und notwendig hielt“, sagte die Vorsitzende der Stiftung, Hildegard Kronawitter.
Traute Lafrenz kam 1919 in Hamburg auf die Welt und wechselte 1941 als Medizinstudentin von der Hansestadt an die Münchner Universität. Im Sommer lernte sie Hans Scholl auf einem Konzert kennen, die beiden waren eine Zeit lang verliebt. „Die beiden waren den Sommer lang ein Paar“, sagte Kronawitter. „Sie blieben im Anschluss befreundet. Später wuchs Traute Lafrenz in den aktiven Widerstand hinein.“ Als Mitwirkende der Gruppe brachte sie unter anderem Flugblätter der Weißen Rose nach Hamburg. Nach der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl im Februar 1943 fuhr Lafrenz nach Ulm und informierte die Familie. Nach der Ermordung einige Tage später war sie nach Angaben der Stiftung als Einzige außerhalb der Familie bei der Beerdigung der beiden dabei – ein großes persönliches Risiko. Im März 1943 wurde Lafrenz selbst festgenommen, im April angeklagt und wegen „Mitwisserschaft“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Geschickt sei es ihr gelungen, die tatsächliche Mitwirkung im Widerstand zu verschleiern, schreibt die Stiftung.
Nach ihrer Entlassung aus einem Münchner Gefängnis kehrte sie nach Hamburg zurück und kam dort nach Ermittlungen gegen den „Hamburger Zweig der Weißen Rose“ erneut in Untersuchungshaft – und war in mehreren Gefängnissen in Hamburg, Cottbus, Leipzig und Bayreuth inhaftiert. Im April 1945 wurde sie von US-Truppen aus dem Zuchthaus Bayreuth befreit, 1947 emigrierte sie in die USA. Dort leitete sie laut der Stiftung zuletzt eine heilpädagogische Schule für geistig behinderte Kinder. Sie hatte vier Kinder. 2019 wurde sie mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik ausgezeichnet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte damals dazu: „Traute Lafrenz Page gehörte zu den Wenigen, die angesichts der Verbrechen der Nationalsozialisten den Mut hatten, auf die Stimme ihres Gewissens zu hören und sich gegen die Diktatur und den Völkermord an den Juden aufzulehnen. Sie ist eine Heldin der Freiheit und der Menschlichkeit.“
Die Widerstandskämpferin war 2018 vom früheren „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius interviewt worden. Nachdem der Fälscherskandal ans Licht kam, distanzierte sich gegenüber dem Magazin von dem Interview. Es handle sich an mehreren Stellen nicht um ihre Worte.
S. SACHSEDER, B. HARTIG