Vatikan – Der Fall Emanuela Orlandi beschäftigt die Öffentlichkeit in Italien seit 40 Jahren. Ebenso lang währen die Geheimnisse um das Schicksal des damals 15 Jahre alten Mädchens. 1983 verschwand die Vatikanbürgerin und Tochter eines Vatikanangestellten auf mysteriöse Weise. Seither versucht die Familie, Licht in das Dunkel zu bringen. Zuletzt mit großen Fortschritten. Im Januar erteilte Papst Franziskus der Vatikan-Staatsanwaltschaft das offizielle Mandat für umfangreiche Ermittlungen.
Zwei Monate später richtete das Parlament eine Untersuchungskommission ein. Vergangene Woche vernahm der Vatikan erstmals Emanuelas Bruder Pietro als Zeugen. Der 66-Jährige ermittelt seit Jahrzehnten auf eigene Faust. Acht Stunden lang dauerte das Gespräch mit Staatsanwalt Alessandro Diddi, in dem Orlandi unter anderem Namen von noch lebenden Zeugen nannte, innerhalb und außerhalb des Vatikans.
Brisante Behauptungen haben die gerade erst begonnene Kooperation zwischen Vatikan und Familie Orlandi nun abrupt beendet. Am Dienstag hatte Orlandi im Fernsehsender La 7 aus einer Tonbandaufnahme zitiert, die ihm im vergangenen Jahr zugespielt worden sei. Darin beschuldigt Marcello Neroni, ein ehemaliger Exponent der römischen Unterwelt, Papst Johannes Paul II. (1978-2005) der Pädophilie. Der damalige Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli habe angesichts der Tragweite des Falles die römische Magliana-Bande um Hilfe gebeten. Nach jener nicht belegten Hypothese hätten die Männer der Organisierten Kriminalität Emanuela Orlandi verschwinden lassen, um das Ansehen des Papstes und der katholischen Kirche nicht zu beschädigen. Orlandi sagte in der Sendung auch: „Man hat mir erzählt, dass Wojtyla manchmal abends mit zwei polnischen Monsignori den Vatikan verließ, und zwar sicher nicht, um Häuser zu segnen.“
Weil das unerhörte Vorwürfe sind, meldete sich am Sonntag sogar Papst Franziskus zu Wort. Beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz erinnerte der 86-Jährige an „den heiligen Johannes Paul II., in diesen Tagen Objekt beleidigender und unbegründeter Unterstellungen“. Zuvor hatten die Vatikanmedien scharf reagiert. Auf dem offiziellen Informationsportal Vaticannews bezeichnete Mediendirektor Andrea Tornielli die Anschuldigungen als „verleumderisch“ und „schäbig“. Die anonymen Anschuldigungen hätten „die Herzen von Millionen von Gläubigen und Nichtgläubigen gleichermaßen verletzt“. Kardinal Stanislaw Dziwisz, während der Amtszeit von Johannes Paul II. dessen Privatsekretär, bezeichnete Orlandis Aussagen als „schändlich, unrealistisch, lächerlich, wenn sie nicht tragisch, ja sogar kriminell“ wären. Franziskus hatte Johannes Paul II. 2014 heiliggesprochen. Die Behauptungen könnten sich nun auch auf die Ermittlungen der Vatikan-Justiz auswirken, die der Weisungsbefugnis des Papstes unterliegt. jmm