Angst vor der Dürre

von Redaktion

Italienisches Urlaubsparadies wird zur Mondlandschaft – Spanien kämpft um Weltnaturerbe

VON JANNIS GOGOLIN

Garda/Madrid/Paris – Üblicherweise braucht man eine Taucherbrille, um den Grund des Gardasees zu sehen. Seit Anfang dieses Jahres ist das aber nicht mehr nötig. Italiens größtes Gewässer liegt brach. Zumindest teilweise. So warnen insbesondere im Norden des 370 Quadratkilometer großen Sees Schilder vor einem unbedarften Sprung vom Steg. Denn dort, wo Urlauber letztes Jahr noch im Wasser landeten, fallen sie heuer auf den harten Boden der Realität. Nach Meldungen der zuständigen Behörde der Gardasee-Region liegt der Wasserstand Mitte April bei 46 Zentimetern. Letztes Jahr waren es noch 99 Zentimeter. Italiens größtes Wasserreservoir ist wegen anhaltender Dürre nur zur Hälfte gefüllt. Und der Sommer kommt erst noch.

Die Lage am Po, Italiens größtem Fluss, kann die Situation nicht beruhigen, mehr noch: „Heute zeigen uns die Vorhersagen der Modelle und alle gesammelten Daten eine besorgniserregende Situation auf“, sagte der Generalsekretär der örtlichen Behörde, Alessandro Bratti, über den Wasserstand des Flusses. In der italienischen Hauptstadt Rom verabschiedete die Regierung daher ein Dekret mit weitreichenden Maßnahmen gegen die bedrohte nationale Wasserversorgung. Unter anderem sollen Wasserleitungen erneuert, Lecks geschlossen und Entsalzungsanlagen gefördert werden.

Besucher der spanischen Touristenhochburg Costa Brava im Nordosten des Landes spüren den Druck der Dürre noch unmittelbarer. Wie die „faz“ berichtete, schalteten die örtlichen Behörden dort schon jetzt Strandduschen und Brunnen ab. Und auch aus dem Rest des Landes jagt eine Schreckensnachricht die nächste. Die Pegelstände der Wasserreservoire, die sich im Winter und Frühjahr füllen sollten, stagnieren durchschnittlich bei der Hälfte. So auch der Sau-Stausee, der die Millionenstadt Barcelona und ihr Umland mit Wasser versorgt. Und schon jetzt knacken die Temperaturen die 30 Grad.

Neben dem Tourismus basiert Spaniens Wirtschaftskraft auf der Landwirtschaft. Alleine über 300 000 Tonnen spanische Erdbeeren füllen die Obststände der europäischen Supermärkte. Der Anbau der „Königsfrucht“ ist allerdings extrem wasserintensiv. 300 Liter Wasser braucht man nach Angaben des WWF für ein Kilogramm. Weil das Wasser anderorts nun knapp wird, will die Regierung Andalusiens, die südlichste der 17 autonomen Regionen Spaniens, 800 Hektar neue Anbauflächen ausweisen. Die Zentralregierung, die EU, Umweltschützer und die UNESCO reagierten aber mit Entsetzen. Die geplanten Gebiete liegen unmittelbar am bereits angeschlagenen Naturpark Doñana, seit 1994 UNESCO-Weltnaturerbe. Die Zentralregierung droht mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht.

In Frankreich steht wegen der Dürre und dem fehlenden Niederschlag nicht nur die Wasserversorgung auf der Kippe. Die Hälfte der aus der Natur entnommenen Wassermenge nutzt die Nation für die Energieerzeugung, 30 Prozent davon für Atomkraftwerke (AKW). Schon im vergangenen Sommer mussten mehrere AKW gedrosselt werden, weil das Kühlwasser die Temperatur in Frankreichs Flüssen zu sehr aufzuheizen drohte. In Zukunft wolle man die Atomreaktoren „verstärkt mit geschlossenen Kreisläufen“ betreiben.

Indes beteuerte Regierungschef Emmanuel Marcon zwar, dass der Wasserpreis für die Bevölkerung nicht steigen soll. Das gelte aber nur begrenzt. Die Kosten für einen „Komfortverbrauch“ werden künftig steigen. Beispiele, was er mit „Komfortverbrauch“ meinte, nannte er nicht.

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