Lüdenscheid – Mit einem lauten Knall, einer Druckwelle und einer gewaltigen Baustaubwolke ist die Talbrücke Rahmede an der Autobahn 45 von der Bildfläche verschwunden. 150 Kilogramm Sprengladung ließen die Pfeiler kollabieren. Pünktlich um 12 Uhr am Sonntag fiel der Gigant – und mit ihm fiel dem ein oder anderen Verantwortlichen ein Stein vom Herzen. Sprengmeister Michael Schneider allen voran, denn der hatte eine echte Herausforderung gemeistert, hatte die bisher größte in Deutschland gesprengte Brücke punktgenau im vorbereiteten riesigen Fallbett landen lassen.
Als der 62-Jährige sich nach getaner Arbeit bei der offiziellen Pressekonferenz äußerte, bekam er jede Menge Applaus. „Moment mal, ich bin nicht AC/DC oder so was“, sagte Schneider lächelnd. „Spaß beiseite. Die Brücke ist genauso in ihr Fallbett niedergegangen, wie wir das vorausberechnet haben. Mir fehlt schlicht das Pokerface, ich kann meine Gefühle nicht verbergen, und ich bin einfach nur happy, happy, happy, dass hier alles so gelaufen ist, wie wir es wollten.“
Der Abbruch musste „haargenau“ gelingen. Das Areal unter der Brücke ist bebaut, das Bauwerk musste gerade herunterkommen, die Teile durften auch nicht abrutschen. Und das habe tatsächlich alles genau so funktioniert. Wohl kaum eine Sprengung hat in der letzten Zeit so viel Aufmerksamkeit erregt wie die spektakuläre Aktion am Sonntag. Der 17 000 Tonnen schwere Koloss aus Beton und Stahl, bis zu 70 Meter hoch und 450 Meter lang, aus den 1960er-Jahren ist zum Symbol für die vielerorts marode Verkehrsinfrastruktur geworden – und längst auch zum Politikum.
Die einsturzgefährdete Brücke an der deutschlandweit wichtigen A45 – sie wird auch „Königin der Autobahnen“ genannt – war am 2. Dezember 2021 gesperrt worden. Eine zentrale Nord-Süd-Achse zwischen Dortmund und Frankfurt ist schon seit 17 Monaten unterbrochen – mit gravierenden Folgen. Lüdenscheid und das angrenzende Gebiet sind von Stauchaos, Lärm, Abgasen, gestörtem Lieferverkehr, Umsatzeinbußen und Fachkräfte-Abwanderung schwer getroffen. Die Industrie befürchtet einen Milliardenschaden.
Für einen schnellstmöglichen Neubau ist die Sprengung extrem wichtig. Ein „Meilenstein“ sei gelungen, lobte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), der am Sonntag die Sprengung aus einigen Hundert Meter Entfernung verfolgt hat. Nun soll mit „maximaler Beschleunigung“ ein Neubau kommen, verspricht Wissing der Region. Zugleich stellt er klar: Weitere rund 4000 Autobahnbrücken müssen bundesweit saniert werden. Rahmede habe gezeigt, wie dramatisch die Folgen sein könnten, wenn nicht rechtzeitig erneuert werde – und das dürfe sich nicht mehr wiederholen. Der Rahmede-Neubau wird vom Bundesverkehrsministerium aktuell als eines der Top-Projekte deutschlandweit eingestuft.
Neben Wissing hatten auch NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) und mehrere Tausend Menschen die Sprengung vor Ort oder bei einem Public Viewing in der Innenstadt beobachtet. Applaus und Rufe wie „Hammer“ oder „Wahnsinn“ waren zu hören. Viele hatten die Druckwelle deutlich gespürt. Minuten nach der Sprengung fielen kleine Baustaubflocken in der Nähe des abgesperrten Areals herab. Ein Geruch wie nach einem Silvesterfeuerwerk breitete sich aus.
Die Rahmede-Brücke sei Sinnbild geworden „für die Infrastruktur-Katastrophe, die wir in Teilen Deutschlands haben und erleben“, unterstrich Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer (SPD). Es brauche nach dem Abbruch jetzt aber einen wirklich Aufbruch.