Das Trauma von Illerkirchberg

von Redaktion

VON ALEKSANDRA BAKMAZ UND KATHARINA SCHROEDER

Illerkirchberg – Da, wo sich die unfassbare Tat abspielte, stehen heute drei bemalte Bauzäune. Sie markieren die Stelle, an der eine 14-Jährige durch ein Messer ihr Leben verlor und ihre 13-jährige Freundin schwer verletzt wurde. Am Freitag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Angeklagt ist er vor dem Landgericht Ulm wegen Mordes und versuchten Mordes.

Die beschauliche Gemeinde im Alb-Donau-Kreis kommt auch fast sechs Monate nach dem Angriff auf die Schülerinnen nicht zur Ruhe. Vieles sei liegen geblieben, berichtet Bürgermeister Markus Häußler (parteilos). „Wir haben knapp zwei Monate fast nichts anderes gemacht, als uns mit den Folgen dieser furchtbaren Tat auseinanderzusetzen.“ Medienanfragen hätten die 5000-Einwohner-Gemeinde überflutet. Sein kleines Rathaus-Team habe im Januar einen Bürgerdialog organisiert, der Redebedarf der Bürger war enorm. Sein Job als Bürgermeister habe sich verändert.

Rückblick, Illerkirchberg am 5. Dezember 2022: Die beiden Mädchen sind auf dem Weg zum Bus, als sie mit einem Messer schwer verletzt werden. Der mutmaßliche Täter ist ein 27 Jahre alter Flüchtling aus Eritrea, der kurz nach der Tat festgenommen wird. Das Verbrechen spielt sich vor der Flüchtlingsunterkunft ab. Die 14-Jährige erliegt im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Der Bürgermeister sitzt zu diesem Zeitpunkt im Rathaus. „Die Polizei rief morgens im Ordnungsamt an – da lief der Einsatz allerdings schon“, erinnert er sich. „Ich bin dann direkt an die Einsatzstelle gefahren“, sagt er. Im Ort sei immer noch eine große Traurigkeit zu spüren. „Wenn man mit den Leuten drüber spricht, geht der Blick meistens mindestens einmal nach unten. Und genau das ist auch die Stimmungslage“, sagt der 37-jährige Rathauschef. „Wir arbeiten immer noch auf.“ Konkret hätten sich die Menschen gewünscht, dass die Straßenbeleuchtung am Tatort wieder eingeschaltet werde. „Die war für wenige Stunden nachts aus Energiespargründen ausgeschaltet.“ Um dem Gefühl der Unsicherheit entgegenzuwirken, seien die Lampen wieder an.

Der Tatort liegt zwischen einem Spielplatz und der Schule. Schulkinder, Einwohner, Eltern – viele Menschen seien dort täglich unterwegs, so Häußler. Zum Tatzeitpunkt standen an dem Weg drei in die Jahre gekommene Häuser, die als Flüchtlingsunterkünfte mit 20 Plätzen dienten. Darin lebte damals auch der mutmaßliche Täter.

Laut Anklage hatte es der Tatverdächtige eigentlich nicht auf die Mädchen abgesehen. Er soll auf dem Weg zum Landratsamt des Alb-Donau-Kreises in Ulm unterwegs gewesen sein, um mit dem Messer Ausweisdokumente zu erpressen. Angegriffen habe er die Freundinnen, weil er meinte, dass die beiden das Messer gesehen hätten. „Das Unerträgliche daran ist einfach dieses Zufällige: zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Häußler. Der Vater der Getöteten sprach sich dafür aus, die Häuser abzureißen und einen Spielplatz oder eine Spielwiese an diesen Ort zu setzen. Übergangsweise werde eine Wiese gesät. Häußler: „Perspektivisch soll dort etwas Schönes entstehen.“

Die Eltern der beiden Mädchen hatten in Briefen dazu aufgerufen, die Tat nicht für Hetze zu instrumentalisieren. Dem schlossen sich viele Politiker an. Es gab aber auch Kritik an der deutschen Asylpolitik. Diese spitzte sich zu, als herauskam, dass ein Flüchtling als verurteilter Vergewaltiger zwischenzeitlich wieder in der Gemeinde untergebracht werden musste.

Auf den Prozessstart blicke er mit gemischten Gefühlen: „Die ganzen Erinnerungen und Emotionen werden sicher noch einmal hochkommen“, so der Politiker. „Und das wird natürlich für alle Beteiligten und für alle Betroffenen ein harter Weg werden.“

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