Berlin – Schon als Joe Biden 2021 ins Weiße Haus einzog, war er der älteste US-Präsident aller Zeiten. Spätestens seit der 80-Jährige ankündigte, 2024 erneut zur Wahl antreten zu wollen, geht es immer wieder um ein Thema: sein Alter. Am Ende einer möglichen zweiten Amtszeit wäre der mächtigste Mann der Welt schließlich stolze 86.
Dabei ist Biden längst nicht alleine als Mann an der Spitze im Rentenalter. Einige der wichtigsten Politiker sind 70 oder älter, darunter die Staatenlenker von Russland (Wladimir Putin, 70), China (Xi Jinping, 70), Indien (Narenda Modri, 72), Brasilien (Luiz Inácio Lula da Silva, 77), Südafrika (Cyril Ramaphosa, 70) und Israel (Benjamin Netanjahu, 73). Sie bestimmen maßgeblich mit über das Schicksal der Welt.
Da stellt sich schnell die Frage: Wie fit und flexibel im Kopf kann „Mann“ im Alter eigentlich noch sein? Eine Ferndiagnose bei diesen mächtigen Männern verbietet sich, auch weil beispielsweise über Biden vergleichsweise viel bekannt ist, über den Gesundheitszustand des chinesischen Staatschefs Xi Jinping hingegen wenig. Trotzdem lohnt es sich, die körperliche und geistige Verfassung dieser Generation einmal genauer anzuschauen.
Zuerst die gute Nachricht: Insgesamt dürfte es heutzutage wohl einen höheren Anteil fitter älterer Männer geben als noch vor 20 oder 30 Jahren, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, Frank Sommer. „Auch dank medizinischer Aufklärung.“ Vorbeugung und ein längerer Erhalt der körperlichen und geistigen Fitness gelingen demnach aber vor allem eher wohlhabenden, gut gebildeten Männern. Es komme jedoch darauf an, Wissen über Ernährung und Bewegung auch umzusetzen. Spitzenpolitiker und andere mächtige Senioren dürften dabei besonders herausstechen mit engmaschiger, sehr guter medizinischer Versorgung, vielleicht auch mit Privatköchen und -trainern. „Das ist eine so individuelle Betreuung, wie sie der Otto-Normalverbraucher nicht hat“, sagt Sommer.
Trotz aller Fortschritte: Mit zunehmendem Alter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für chronische Krankheiten und Mehrfacherkrankungen. Einige Beispiele: Im Alter von 65 bis 74 hat laut einem älteren Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) mit Eigenangaben von Befragten hierzulande mehr als jeder zweite Mann Bluthochdruck, jeder vierte Arthrose. Rund 18 Prozent sind Diabetiker. Knapp 14 Prozent berichteten, schon einmal einen Herzinfarkt gehabt zu haben. Ungefähr genauso hoch ist der Anteil der Männer dieses Alters, die jemals eine Krebsdiagnose erhielten. Die Demenzraten liegen laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft bei Männern unter 75 in Europa deutlich unter fünf Prozent, sie steigen ab 80 auf über zehn Prozent.
Zu diesen ernsten Erkrankungen kommen noch Gesundheitsprobleme wie Stürze, Inkontinenz und Sinneseinschränkungen hinzu, die mit dem Alter deutlich zunehmen. Ein Beispiel: Zwischen 71 und 80 sei etwa jeder Dritte hochgradig schwerhörig.
Durchschnittswerte zur Gesundheit im Alter sind aber nur ein Aspekt. Denn Fachleute unterscheiden zwischen dem chronologischen Alter – basierend auf dem Geburtsdatum – und dem biologischen Alter, das abweichen kann. „Um es etwas überspitzt zu erklären: Es gibt 75-Jährige, die spielen dreimal in der Woche Tennis und fangen noch einmal ein zweites Studium an. Und es gibt Gleichaltrige, die kommen ohne Rollator nicht mehr über die Straße und können sich an die Namen ihrer Enkel nicht erinnern“, sagt Bernd Kleine-Gunk, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anti-Aging-Medizin. „Da gibt es große individuelle Unterschiede.“
Das chronologische Alter sei nur eine Zahl, entscheidend für die berufliche Leistungsfähigkeit sei das biologische, sagt Kleine-Gunk. Ihn ärgert es, dass die Debatte über das Alter mancher Regierungschefs manchmal recht negativ geführt wird: „Ich sehe da schon eine Form der Altersdiskriminierung, ein Abstempeln alter Menschen. Das ist nicht korrekt.“ Um im Kopf fit zu bleiben, sei es sogar förderlich, weiterhin das zu machen, was einem Spaß bereitet. GISELA GROSS