Südtirol macht Ernst: Erster Bär getötet

von Redaktion

Problemtier hatte zuvor Wanderer verfolgt – Proteste von Aktivisten angekündigt

Trento – Diesmal ging alles besonders schnell. Am 28. Januar war der Braunbär M90 im Trentino einem Pärchen begegnet. Anstatt das Weite zu suchen, lief das Tier den beiden im Val di Sole hinterher. Die Behörden wurden alarmiert, stellten per DNA-Test die Identität des Männchens fest. Nachdem das Plazet des italienischen Umweltinstituts Ispra eingeholt war, unterzeichnete der Chef der Provinzregierung, Maurizio Fugatti, den Abschussbefehl.

Wenig später war M90 tot, abgeschossen von Mitarbeitern der Forstverwaltung. Das war am Dienstag. Sonny wird M90 von Tierfreunden im Trentino auch genannt. Sonny ist der erste offiziell abgeschossene Braunbär im Trentino. Hier hat man einem Teil der geschätzt bis zu 150 Tieren den Krieg erklärt. 16 sogenannte Problembären seien im Adamello-Brenta-Gebiet unterwegs. Ebenso viele Exemplare sollen in den kommenden beiden Jahren erlegt werden, acht pro Jahr.

M90 habe sich wiederholt urbanen Siedlungen angenähert und auch auf Abschreckungsmaßnahmen nicht reagiert, begründete die Provinzverwaltung ihren Schritt. „Der Bär war auch während der Wintermonate aktiv und gefährlich.“ Tierschützer laufen nun Sturm. „Es handelt sich um eine richtiggehende Exekution“, sagt Massimo Vetturi vom Tierschutzverband Lav. „Noch während das Abschussdekret vorbereitet wurde, standen sie schon mit rauchenden Gewehren zur Stelle, um zu verhindern, dass wir M90 vor seiner Todesstrafe retten“, schimpft der Aktivist. Auch Italiens Umweltminister Gilberto Pichetto Fratin mahnte, ein Abschuss dürfe nur die Ausnahme sein. „Das Erlegen kann nicht die einzige Alternative sein“, sagte er. Offensichtlich hatte es die Provinzregierung diesmal besonders eilig und wollte Klagen gegen den Verwaltungsakt verhindern.

Das hat mit der Vorgeschichte zu tun. Im vergangenen April hatte die Bärin JJ4, Schwester des 2006 bei Bayrischzell abgeschossenen Braunbären Bruno, einen Sportler im Trentino tödlich verletzt. Gegen den damaligen Abschussbefehl klagten Tierschützer und hatten Erfolg. Das Verwaltungsgericht Trento stoppte das Dekret. JJ4 wurde gefangen und lebt seither in einem Gehege bei Trento. Dieses Ergebnis wollte die Provinzregierung um Fugatti offenbar vermeiden und schritt sofort zur Tat, nachdem das Umweltinstitut Ispra sein Plazet gegeben hatte. M90 sei „problematisch und gefährlich“ und zeige Zutrauen zu den Menschen. Im vergangenen September war der Bär mit einem Funk-Halsband versehen worden, so konnte M90 nun schnell geortet werden. Seit September wurden zwölf Annäherungen an Siedlungen registriert, wo das Tier es offenbar auf den Inhalt von Mülltonnen abgesehen hatte. Wie es heißt, hätten Abschreckungsmaßnahmen wie Gummigeschosse oder Störlaute keinen Erfolg gehabt. Ispra hatte die Provinzregierung aber auch angemahnt, sogenannte Anti-Bären-Mülltonnen aufzustellen und die Bevölkerung besser zu informieren. Das ist bisher nicht geschehen, wie Tierschützer bemängeln.

Die Vorsitzende der italienischen Tierschutz-Liga Michela Vittoria Brambilla warf der Provinzregierung „Kurzsichtigkeit, Arroganz und Brutalität“ vor und kündigte an, gegen das Dekret nachträglich Klage einzureichen. Am Samstag wollen sich Tierschützer in Trento zu einer Demonstration versammeln.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die sich mit dem Abschuss einverstanden erklären. Die Lokalzeitung „L’Adige“ zitierte einen Anwohner mit den Worten: „Jetzt sind wir sicherer.“ Nicht ausgeschlossen ist, dass im vergangenen Jahr auch Selbstjustiz begangen wurde. Sieben Bären wurden tot aufgefunden, die genauen Todesursachen sind nicht bekannt. Zwischen 1999 und 2002 waren im Adamello-Brenta-Gebiet zehn Braunbären zur Wiederansiedelung ausgesetzt worden. Die Tiere vermehrten sich rascher als geplant.

JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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