Pia Rolfs im Gespräch mit Prof. Ulrich Hegerl (Mi.) und Harald Schmidt. © Rainer Rueffer
Frankfurt – Auf den ersten Blick sind sie ein ungleiches Paar: Moderator Harald Schmidt und Professor Ulrich Hegerl – doch als Schirmherr und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe arbeiten sie Hand in Hand. Sie machen einen gemeinsamen Podcast „Raus aus der Depression“, waren beide am Wochenende beim Patientenkongress der Stiftung in der Alten Oper Frankfurt. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklären sie, welche Missverständnisse es noch über die Krankheit gibt.
Herr Schmidt, Sie haben mal gesagt, Sie hätten nie an Depressionen gelitten. Wie kam es dann zu Ihrem Engagement für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe?
Schmidt: Herr Hegerl hat mich gefragt, ob ich die Schirmherrschaft übernehmen will. Und ich dachte, wenn es einen selbst erwischt, hat man dann die Drehtür zu allen Behandlungsmöglichkeiten. Danach muss sich man den Bekanntenkreis ja aussuchen.
Nutzen Sie es, dass die Leute eigentlich etwas anderes von Ihnen erwarten?
Schmidt: Ja, die sind oft fassungslos, dass ein Berufszyniker wie ich, ein „Dirty Harry“, sich ausgerechnet um depressive Menschen kümmert. Dieser Widerspruch schafft Aufmerksamkeit.
Herr Hegerl, warum sind Prominente denn als mediale Anschubhilfe für dieses Thema so wichtig?
Hegerl: Zum einen wegen der Reichweite. Zum anderen sehen die Menschen, dass auch jemand, der erfolgreich ist, an Depressionen leiden kann. Die Erkrankung kann jeden treffen.
Lena Meyer-Landrut hat als Grund für ihre Depressionen genannt, dass der „Lebensdruck“ zunimmt. Auch Pandemie, Krisen und Krieg sowie zunehmende Einsamkeit werden im Zusammenhang mit Depressionen genannt. Trifft das zu?
Hegerl: Die äußeren Faktoren werden überschätzt. Rutscht man in eine depressive Phase, ist man völlig erschöpft, alles wird einem zu viel – dann sucht man nach Gründen, warum das so ist. Das ist dann mal der Ukraine-Krieg, mal die Arbeitsbelastung oder ein Partnerschaftskonflikt. Da wird oft vorschnell eine Kausalität angenommen. Das ist verständlich. Aber wenn man lange mit der Krankheit zu tun hat, merkt man, wie wichtig die Veranlagung ist. Das heißt nicht, dass äußere Faktoren völlig unwichtig sind. Wenn man eine Veranlagung zu Depressionen hat, können Belastungen schon Auslöser sein.
Herr Schmidt, was war das Überraschendste, was Sie in Ihren Gesprächen mit Betroffenen über die Situation erfahren haben?
Schmidt: Dass fast alle sagen, ich hätte viel früher die Angst vor einem Klinikaufenthalt und vor Psychopharmaka überwinden müssen. Das Klischee, dass man da vollgepumpt wird, in Eiswasser gelegt wird und zum Frühstück einen Elektroschock erhält, trifft nicht zu. Viele sagen, dass in der Klinik dieser ganz klar strukturierte Tagesablauf hilfreich war.
Herr Hegerl, gibt es denn überhaupt mehr Fälle von Depressionen oder nur mehr Menschen, die sich dazu bekennen?
Hegerl: Bei Erwachsenen gibt es keine deutliche Zunahme an Erkrankten. Aber immer mehr Erkrankte suchen sich Hilfe, bekommen eine Diagnose und wollen dann natürlich eine Behandlung. Wir haben aber nicht mehr Fachärzte. Das erklärt, warum jetzt ein Engpass sichtbar wird. Es ist nicht akzeptabel, dass jemand mit einer schweren Depression und Suizidgedanken Wochen auf einen Termin warten muss.
Sie sagen, dass viele Langzeitarbeitslose arbeitsfähig wären, wären ihre Depressionen behandelt.
Hegerl: Ja. Bei etwa 60 Prozent liegt eine psychische Erkrankung vor, am häufigsten Depression. Dabei ist bei den meisten die Depression nicht Folge der Arbeitslosigkeit, sondern viele sind wegen der Depression arbeitslos geworden. Deswegen haben wir ein Projekt mit Jobcentern, das Psychosoziale Coaching. Die Jobcenter-Mitarbeiter werden im Erkennen psychischer Erkrankungen geschult und können Kunden an Psychotherapeuten weiterleiten. Unbehandelte psychische Erkrankungen sind das größte beseitigbare Vermittlungshemmnis in den Arbeitsmarkt. Das ist ein sehr kosteneffektiver Ansatz, der viel breiter genutzt werden sollte.
Würden Sie als Kabarettist auch Witze über Depressionen machen?
Schmidt: Nein, ich lasse das Thema außerhalb der Stiftung vollkommen weg. Heute im Zeitalter der Sozialen Medien müsste man damit rechnen, dass das aus dem Kontext gerissen und falsch verstanden wird.