Wassermengen fließen am Urlaubsort Torbole vom Fluss Sarca in den Gardasee. © picture alliance
2023 konnte man durch den See spazieren. © Bruno/dpa
Peschiera – Die Insel San Biagio bei Manerba del Garda ist so etwas wie der Gradmesser für den See. Herrscht Dürre, wie im vergangenen Jahr, dann können die Touristen vom Festland aus barfuß und mit schmerzverzerrten Gesichtern auf den Steinen hinüber zum Eiland balancieren. Im vergangenen Jahr war das problemlos möglich, nur die Unterhosen wurden etwas nass. Derzeit ist an so ein Unterfangen am Gardasee nicht zu denken. Regenfälle haben in den vergangenen Wochen den Pegel auf einen Höchststand anschwellen lassen. An manchen Stellen trat der See sogar über die Ufer. Nach San Biagio kommt man derzeit nur per Boot.
Touristen, Hoteliers und Restaurantbesitzer sind dieser Tage deshalb noch mehr als sonst auf den Wetterbericht fixiert. Gerade sind keine Regenfälle angesagt, erst Mitte kommender Woche soll es vorübergehend wieder ungemütlich und regnerisch werden. Regen in der Hauptsaison am Gardasee, das gab es auch schon in der Vergangenheit. Aber nicht in diesen Ausmaßen. Am Sonntag war der See nach zwölf Stunden heftigem Dauerregen innerhalb von 24 Stunden um mehr als 14 Zentimeter angestiegen. Nach wochenlangen Regenfällen lag der Wasserstand da bereits bei 130 Zentimetern über Null, eine kritische Marke. Bei Regen können Abwässer nicht mehr regulär abfließen. Am Sonntag wurde in Peschiera del Garda dann ein neuer Rekord gemessen: 146 Zentimeter über Nullpegel. Seit 70 Jahren hatte der See nicht so viel Wasser.
„Fast 15 Zentimeter Anstieg in 24 Stunden, so etwas habe ich noch nie gesehen“, zitiert der „Corriere del Veneto“ einen anonymen Angestellten der Azienda Gardesana Servizi, die für die Abwasserleitungen im Gardasee zuständig ist. „Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht wieder regnet.“ Die Zuflüsse, etwa die Etsch, würden den See sonst weiter zum Ansteigen bringen. Auch Wind und Wellen wären jetzt verheerend, meint der Experte: „Die Gemeinden würden überschwemmt.“ Besonders betroffen waren schon am vergangenen Wochenende Gemeinden wie Lazise am Ostufer. Das Wasser schwappte dort auf die Seepromenade. Rund 52 Millionen Kubikmeter Wasser hatten sich innerhalb eines Tages in den See ergossen.
In Sirmione platzierte der Zivilschutz an einigen Stellen Sandsäcke, um das Wasser einzudämmen. Mehrere Straßen wurden gesperrt. Die Feuerwehr rückte mehr als 150 Mal aus, unter anderem, um vollgelaufene Keller auszupumpen. In Manerba musste eine Frau aus ihrem Pkw befreit werden, ein Bach war abrupt angestiegen und hatte sie in ihrem Fahrzeug blockiert. Natürlich ist auch der Tourismus betroffen. „Meine Kollegen vom Campingplatz Rio Verde mussten zumachen, weil ihnen das Wasser reinlief“, berichtet Gianfermo Chinelli, der das Restaurant am Campingplatz Belvedere in Porto Torchio betreibt. „Wenn es so weitergeht, bekommen wir die Tagestouristen nicht einmal mit dem Fernglas zu sehen.“
Italienische Medien berichten von verschlammten Campingplätzen, überschwemmten Restaurants und Urlauberfamilien, die die Flucht ergriffen. In Richtung Norden. „Der Klimawandel ist nicht zu leugnen“, sagt Lucio Ceresa, Generalsekretär des Verbunds der Gardasee-Gemeinden. „Der Schutz des Ökosystems Gardasee muss nun oberste Priorität bekommen“, fügt Ceresa hinzu. „Wir müssen uns überlegen, wie wir mit dem größten Süßwasserreservoir Europas umgehen. Seiner Nutzung müssen Grenzen gesetzt werden.“ J. MÜLLER-MEININGEN