„Kein Vergleich zu Corona.“ Virologe Hendrik Streeck ordnet die Pandemie-Warnungen ein. © dpa
München – Die Vogelgrippe geht um. In den USA häufen sich Infektionen bei Kühen, Erreger werden in Milch nachgewiesen. Wenn das Virus mutiert, hat H5N1 das Potenzial, eine neue Pandemie auszulösen, warnen zahlreiche Fachleute wie beispielsweise Christian Drosten von der Berliner Charité. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt das Risiko für die Bevölkerung aktuell allerdings als gering ein. Darauf weist auch das Gesundheitsministerium von Karl Lauterbach auf Anfrage unserer Zeitung hin.
Wie besorgniserregend ist die Lage nun? Droht wirklich eine neue Pandemie? Virologe Hendrik Streeck ordnet im Gespräch mit unserer Zeitung die Lage ein: Bisher habe es keine leichten Übertragungen von Mensch zu Mensch gegeben. „Dazu wären Mutationen notwendig, die das ermöglichen. Die gibt es bisher aber nicht.“ Erst dann gäbe es auch die Möglichkeit einer Pandemie. „Was jetzt neu ist, ist, dass das Virus Rinder infizieren kann. Es rückt also näher an Menschen. Und je näher ein Virus dem Menschen kommt, desto wahrscheinlicher kann bei so einem Virus auch der Übertritt auf den Menschen passieren.“ Streeck betont, dass man den Erreger sehr ernst nehmen müsse: „Seit 2003 sind fast 900 Fälle bei Menschen aufgetreten, mit einer Sterblichkeit von über 50 Prozent. Zum Vergleich: Bei Corona liegt die Sterblichkeit bei rund 0,5 Prozent. Vogelgrippe ist nach aktuellen Daten also hundertmal tödlicher.“
„Die Staaten sind besser vorbereitet“
Dennoch sieht Streeck keinen Grund zur Panik, da die Staaten besser vorbereitet seien als bei Corona: „Wir befinden uns in einer ganz anderen Situation als bei Corona. Es gibt bereits wirksame Impfstoffe. Die Europäische Union hat bereits Impfdosen bestellt. Und in den USA werden Menschen mit viel Kontakt zu Rindern geimpft. Wenn es jetzt zu einem Ausbruch kommen würde, also zu einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung, würde man sofort diesen Ausbruch über Impfungen aller Kontaktpersonen eindämmen.“
Sollte die Übertragung von Mensch zu Mensch auftreten, sollte eine sogenannten Ringimpfung starten. Das bedeutet eine breitflächige Impfung im Umkreis betroffener Orte. Sobald sich das Virus weltweit verbreitet, würde man auch gezielt mit Impfungen arbeiten. Auch antivirale Medikamente sprechen bei der Vogelgrippe an.
Andere Virologen sind indes weniger optimistisch. Der Stanford-Epidemiologe Abraar Karan meint etwa, „die Uhr tickt“. Er spricht vom Risiko einer Durchmischung, wenn die nächste menschliche Grippesaison beginnt. Das kann Streeck nicht nachvollziehen: „Die saisonalen Grippeviren, mit denen wir im Herbst und Winter rechnen, sind ganz andere Subtypen.“ Eine Durchmischung sei recht unwahrscheinlich.
Vorwürfe gegen US-Rinder-Industrie
Der Virologe Alexander Kekulé erhebt im Focus unterdessen schwere Vorwürfe gegen die US-Rinder-Industrie: „Die mächtigen Rinderzüchter und die Milchindustrie verhindern erfolgreich, dass der Ausbruch eingedämmt wird.“ Rinderzüchter und Milchverarbeiter würden sich bislang erfolgreich dagegen wehren, dass Tiere, Milch und Personal systematisch auf H5N1 untersucht werden. „Weil Kühe, im Gegensatz zu Vögeln, in der Regel nicht schwer erkranken, lassen sich Ausbrüche ohne Weiteres verheimlichen“, so Kekulé. „Wenn die US-Behörden das nicht zeitnah in den Griff bekommen, dürfte die Krankheit bei Rindern ‚endemisch‘ werden, also bis auf Weiteres bleiben.“
Kekulé glaubt jedoch nicht, dass die Gefahr eines Überspringens auf den Menschen drohe: „Was wir in US-Kuhställen beobachten, ist nicht der Übergang zur Pandemie, sondern die Entstehung einer neuartigen Erkrankung bei Milchkühen, die auch andere Säugetiere über Kontakte, Trinkwasser oder Futtermittel befallen könnte.“
MORITZ BLETZINGER