Das „Tschernobyl“ von La Palma

von Redaktion

Schwieriger Neustart am Vulkan – Münchner Ehepaar verliert alles

Warnung vor Kohlendioxid, das ausstritt.

Begraben unter Lava. Der Vulkan zerstörte 4000 Häuser und 70 Kilometer Straßen.

Die Promenade von Puerto Naos mit ihren Shops ist wie leer gefegt. © Klaus Wiendl (3)

Faszinierendes Naturschauspiel mit verheerenden Folgen: Über drei Monate spuckte der Vulkan im Spätsommer 2021 Lava. © Morenatti/dpa

Santa Cruz – Sie kommen wieder, die Touristen, aber nur zögerlich. Denn es gibt nur wenige Direktflüge aus Deutschland zur Kanareninsel La Palma. Erst beim Umsteigen in Madrid merkt man, nachdem der Weiterflug ausgebucht ist, dass die Wanderinsel wieder gefragt ist. Obwohl den Touristen bekannt ist, dass sie noch mit erheblichen Einschränkungen am begehrten Badeort Puerto Naos rechnen müssen. Er ist der wichtigste Ferienort im Süden der Insel. Auf der Fahrt dorthin sind die Auswirkungen des Vulkanausbruchs vom 19. September 2021 noch allgegenwärtig. Denn nach Los Llanos di Aridane ist alles anders, keine Häuser, keine Vegetation. Nur bis zu 15 Meter hoch aufgetürmte schwarze Lavaströme bis zum Atlantik, etwa zwei Kilometer breit. Inzwischen entstanden zwei wichtige Verbindungsstraßen auf der Lava.

Über drei Monate spuckte der neue Vulkan Tajogaite. Lava mit bis zu 1000 Grad vernichtete alles Leben in den dicht besiedelten Wohngebieten um Todoque. Eine riesige Magmaplatte schob sich über die Kirche, über Häuser und viele Tourismusbetriebe. Selbst der Friedhof vom nahen Las Manchas blieb nicht verschont. Die glühende Lava zerstörte auch das Krematorium und wälzte sich durch die Wände mit den Urnenkammern. Die Lava verschlang insgesamt 4000 Gebäude, 70 Kilometer Straßen und 350 Hektar Bananenplantagen. 5000 Hotel- und Ferienhausbetten seien zerstört worden. In einer Ferienhaus-Agentur in Los Llanos erzählt man, dass allein sie 23 Bungalows durch den Vulkan zur Vermittlung verloren haben.

Zwei davon gehörten dem Münchner Ehepaar H., das aber anonym bleiben möchte. Der Autor hatte sie vor Jahren kennengelernt, als er in Todoque eines der beiden Ferienhäuser den Münchnern mietete, die dort in einem dritten Bungalow ihren Zweitwohnsitz hatten. „Wir wollten als Rentner selbst dort leben. Aber die Rechnung ging nicht auf“, erzählt die Münchnerin. „Alles, was wir hier hatten, ist einfach weg. Man ist völlig desorientiert, weil die ganze vertraute Landschaft nicht mehr da ist.“ Für die beiden sei es nur ein materieller Verlust, die Einheimischen aber hätten Land und Häuser verloren, wo sie seit Generationen lebten. „Diese Menschen kann man nicht einfach in eine Etagenwohnung umsiedeln, sie sind das Landleben mit teilweiser Selbstversorgung gewohnt“.

Es falle ihr auch nach dreieinhalb Jahren noch schwer, sagt die Münchnerin, über den Vulkanausbruch zu berichten. Schon Tage zuvor habe es immer stärker werdende Erdbeben gegeben. „Es gab aber keine Evakuierung, weil von offizieller Seite nicht mit einem Ausbruch gerechnet worden war. Nach einer Woche stand die rotglühende Lavawand von etwa zehn Metern Höhe direkt hinter unserem Haus. Sie bewegte sich langsam und unstoppbar. Heute liegen satte 30 Meter Lava über der Stelle, wo unsere Häuser standen. Mit diesen ist alles weg. Auch persönliche Sachen.“

Für die Münchner ist es der Supergau. Die Insulaner sprechen inzwischen von „unserem Tschernobyl“. Denn die giftigen Gase am Rande des Vulkans machte Puerto Naos unbewohnbar. Den Badeort erklärten die Behörden zur Sperrzone. Erst seit vergangenem Herbst ist Tourismus in bescheidenem Rahmen wieder möglich. Auch jetzt wird an bestimmten Flecken des Ortes, wie der Playa Chica, auf Schildern immer noch vor erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen und akuter Erstickungsgefahr gewarnt.

Kaum ein Restaurant hat geöffnet, nur zwei Strandbars. Die Promenade mit ihren Shops ist leer gefegt, wie auch der sonst so beliebte schwarze Sandstrand. Dort ist bislang nur ein großes Hotel geöffnet. Erst langsam erwacht der Küstenort wieder aus dem Tiefschlaf. Während sich vielerorts in Spanien Widerstand gegen die steigende Zahl von Touristen regt, kämpft man auf La Palma um ihre Rückkehr.

Die Münchner sind der Kanareninsel dennoch treu geblieben. „Wir wohnen nun im Nordwesten der Insel, weit weg vom Vulkan, in einer vulkanisch nicht mehr aktiven Zone.“
KLAUS WIENDL

Artikel 6 von 11