Sehenden Auges in die Katastrophe?

von Redaktion

Geologe: Langfristig gesehen „Zeitpunkt erreicht, Istanbul zu verlassen“

Die Menschen trauen sich nicht mehr zurück in ihre Häuser. Zu groß ist die Angst vor dem großen Beben. © Hamra/dpa

Der Istanbuler Geologe Celal Sengör. © Instagram

Die Erdbebenserie in der türkischen Metropole Istanbul reißt nicht ab: Viele Menschen kampieren deshalb im Freien. © Hamra/dpa

Istanbul – Nach den Erdbeben in der türkischen Millionenmetropole Istanbul steht die Bevölkerung weiter unter Schock. Zahlreiche Menschen verbrachten die Nächte im Freien und schlugen etwa in Parks oder auf anderen Grünflächen Zelte auf. Das Beben hat keinen größeren Schaden angerichtet – aber die Angst vor einer laut Experten unabwendbaren Katastrophe befeuert.

Istanbul wurde am Mittwoch von mehreren Erdbeben erschüttert. Um 12.49 Uhr Ortszeit registrierte der Katastrophendienst Afad das bislang stärkste Beben der Stärke 6,2 mit einem Epizentrum im vor der Stadt gelegenen Marmarameer. Zahlreiche weitere Erdstöße der Stärken 4 bis 5 folgten. Bis Donnerstagmittag meldete Afad gut 300 Nachbeben.

Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am Mittwochabend: „Unsere Bürger können beruhigt sein. Als Staat werden wir weiterhin rund um die Uhr mit allen unseren Einheiten in Alarmbereitschaft bleiben und für unsere Nation arbeiten, die Situation unter Kontrolle zu haben.“

Beruhigt sind aber wohl die wenigsten der Bewohner. Obwohl Experten seit Jahrzehnten vor einem großen Erdbeben warnen, gilt die Metropole am Bosporus – das am dichtesten besiedelte Gebiet des Landes – nicht als erdbebensicher. Zwar wurden in den vergangenen Jahren auch vor dem Hintergrund der verheerenden Erdbebenkatastrophe im Südosten des Landes 2023 Programme zur Erneuerung gefährdeter Gebäude vorangetrieben. Mehr als eine Million Gebäude gelten aber immer noch als nicht sicher.

Experten gehen davon aus, dass das befürchtete Großbeben mit einer Stärke von etwa 7 zehntausende Menschen töten könnte. Als Grund wird etwa die schlechte Bausubstanz genannt. Die Türkei liegt in einer der seismisch aktivsten Gegenden der Welt.

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein weiteres starkes Beben folge, sagte der Geologe Okan Tüysüz dem Sender NTV. Das Hauptbeben werde noch kommen, schrieb Erdbebenforscher Naci Görür auf der Plattform X. Die Region ist Teil des Nordanatolischen Verwerfungssystems, einer großen tektonischen Plattengrenze, die für zerstörerische Erdbeben mit vielen Opfern bekannt ist. Die Verwerfung verläuft nur wenige Kilometer vor der Stadt im Marmarameer. Hinzu kommt, dass die Stadt teilweise auf ungünstigem Untergrund liegt: Der südwestliche Teil etwa liegt nicht auf festem Grund wie Granit, sondern auf einer ausgetrockneten Lagune.

Über die Frage, was mit Blick auf ein weiter drohendes größeres Erdbeben zu tun sei, sagte Geologe Celal Sengör von der Technischen Universität Istanbul, es sei zunächst bedenkenlos möglich, in Häuser ohne offensichtliche Schäden zurückzukehren. Langfristig gesehen aber sei nun „der Zeitpunkt erreicht, Istanbul zu verlassen“. Sengör zog mit dieser Aussage umgehend Kritik von der regierenden AKP auf sich. Ein Chefberater von Präsident Recep Tayyip Erdogan nannte Sengör nach dessen Aussage einen „Idioten“.

Dennoch scheinen viele zu denken wie Sengör. Die Hotels entlang der türkischen Ägäisküste verzeichneten nach dem Beben einen deutlichen Anstieg der Hotelbuchungen. Flugtickets ab Istanbul in andere Städte der Türkei waren am Abend des Bebens und auch am Donnerstag nicht mehr zu erhalten. Für jene, die nicht zurück in ihre Häuser wollen, hat der Türkische Rote Halbmond damit begonnen, Lebensmittel in Sammelunterkünften bereitzustellen, berichtete der Staatssender TRT Haber.

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