Missbrauchsopfer vor Gericht: Habe Loch im Herz

von Redaktion

Der Prozess wühlt Frankreich auf. © Padilla/dpa

Vannes – Es sind Fotos meist lächelnder Kinder, Schnappschüsse oder Porträts vor dem Geburtstagskuchen, die im Missbrauchsprozess gegen einen Chirurgen in Westfrankreich an die Wand des Gerichtssaals projiziert werden. Über Wochen sagen die heute erwachsenen Frauen und Männer gegen den 74 Jahre alten Mediziner Joël Le Scouarnec aus, dem die Anklage vorwirft, zwischen 1989 und 2014 insgesamt 158 Patienten und 141 Patientinnen im Durchschnittsalter von elf Jahren missbraucht zu haben.

Zu den Taten kam es im Operationssaal, in der Phase der Anästhesie oder des Aufwachens, genauso aber auf den Patientenzimmern. Der Prozess im bretonischen Vannes, der Frankreich erschüttert, katapultiert die Opfer zurück in die Zeit der Fotos, als sie wehrlose Kinder oder Jugendliche waren. „Ich fühle Schmerz für das Kind, das ich mit elf Jahren war“, sagt ein Betroffener aus.

Traumatisierte Opfer

Das Ausmaß an Traumatisierung und psychologischer Schäden, über das die Opfer vor Gericht sprechen, ist unermesslich. Auch Kinder, die den Missbrauch als solchen nicht bemerkten, reagierten unbewusst auf die erlittene Gewalt.

„Mein Körper sendete mir seit meiner Kindheit Signale, die ich nicht verstand“, sagt eine 33-Jährige aus, die vor 25 Jahren für eine Blinddarm-OP in die Klinik kam. „Ich leide unter Schwitzen, wenn ich Stress habe.“ Während des Studiums sei sie depressiv gewesen und habe alles hinwerfen wollen. „Ich habe mich immer geschämt.“

Was der Arzt, der seinen jahrzehntelangen Missbrauch detailreich in Tagebüchern festhielt, mit ihr tat, daran hat sie keine Erinnerung. „Ich habe große Angst, mich an etwas zu erinnern“, sagt die junge Mutter, die Sorge hat, dass ihrem Kind Ähnliches zustoßen könnte. „Ich kann nicht ausstehen, dass meinem Kind etwas passiert“, sagt sie und bricht in Tränen aus. „Ich sehe überall das Böse.“

Wie etliche Betroffene beklagt die Frau das Vorgehen der Polizei, die die oft unwissenden Opfer meist bei einer Vorladung auf die Wache darüber in Kenntnis setzte, was ihnen in der Kindheit widerfahren ist. Dies sei traumatisierend gewesen, es habe keine Begleitung gegeben, so die Frau.

Ins Rollen gebracht hatte die Ermittlungen 2017 die Anzeige einer Nachbarin, deren sechsjährige Tochter der Arzt im Garten missbrauchte. Bei Durchsuchungen stießen die Fahnder auf rund 300 000 kinderpornografische Fotos und die Tagebücher und begaben sich auf die Suche nach den Opfern, die der Chirurg während jahrzehntelanger Arbeit in ländlichen Kliniken in Westfrankreich traf. Serienweise wurden die Betroffenen auf die örtlichen Wachen vorgeladen – offenbar mangelte es dabei an Sensibilität.

„Ich brach heulend zusammen“, heißt es in einer vor Gericht verlesenen Erklärung einer Frau, der auf der Gendarmerie unvermittelt erklärt wurde, dass sie als Kind Opfer einer Vergewaltigung geworden sei. „Ich habe ein Loch im Herz“, beschreibt die Frau, die eine Therapie absolvierte.

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