Stirbt die Pünktlichkeit aus?

von Redaktion

Umfrage zur typisch deutschen Tugend: Nicht nur Bahn-Verzögerungen deuten Wandel an

Die Bahn als Symptom: 70 Prozent glauben, dass Pünktlichkeit in Deutschland immer weniger verbreitet ist. © Weber/imago

Berlin – Seid pünktlich: Die Eigenschaft, Termine zuverlässig einzuhalten und damit dem Gegenüber Respekt zu zeigen, empfinden viele Menschen als wertvoll. Sie wird als Zeichen guter Erziehung gesehen. Im Klischee ist Pünktlichkeit eine deutsche Tugend, doch die Realität sowie eine neue Umfrage deuten auf einen Wandel hin. Stirbt die deutsche Pünktlichkeit aus?

Vor einem Vierteljahrhundert sagte der damalige Bahn-Chef, die Pünktlichkeit des Zugverkehrs liege in Deutschland um die 90 Prozent, keine Bahn in Europa komme auf diese Werte. 25 Jahre später hingegen gilt es schon als ambitioniert, wenn Bahn-Chefin Evelyn Palla sagt, im neuen Jahr sollten mindestens 60 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich sein.

Eine aktuelle repräsentative YouGov-Umfrage fördert zutage, dass nur noch 78 Prozent der Erwachsenen hierzulande „Pünktlichkeit“ für „typisch deutsch“ halten (zum Vergleich: beim Stichwort „Bürokratie“ tun dies 89 Prozent). In einer ähnlichen Umfrage 2017 war der Wert für Bürokratie und Pünktlichkeit noch gleich hoch bei 90 Prozent.

Die Pünktlichkeit in Deutschland verliert also an Strahlkraft. Dabei ist das Selbstbild der Erwachsenen in Deutschland noch recht eindeutig. Eine überwältigende Mehrheit von mehr als 90 Prozent bezeichnet sich grundsätzlich als pünktlichen Menschen.

Bei den Generationen aber tun sich Unterschiede auf. Bei den Jüngeren ist die Quote der Pünktlichen geringer als bei den Älteren. So sagen bei den sogenannten Boomern (61 bis 79 Jahre alt) rund 97 Prozent, sie seien pünktlich. Rund 92 Prozent sind es in den Generationen X und Y (die 45- bis 60- sowie 29- bis 44-Jährigen).

Bei den jüngsten Erwachsenen (18- bis 28-Jährige) – in der sogenannten Gen Z – sind es mit rund 81 Prozent deutlich weniger. Wenn diese Generation eines Tages den Ton angibt und sie bei dieser Selbsteinschätzung bleibt, dann gäbe es in dieser Republik wohl mehr unpünktliche Menschen.

Recht einig sind sich fast alle Generationen bei der Einschätzung, „dass in Deutschland heute Pünktlichkeit weniger verbreitet ist als früher“. 70 Prozent stimmen dieser Aussage zu, bei den ganz Alten (80 bis 99 Jahre) sind es sogar mehr als 80 Prozent, bei der jungen Gen Z immerhin 62 Prozent.

Eine Mehrheit in allen Generationen ärgert sich „oft“ oder „manchmal“, weil andere Menschen unpünktlich sind. Die Jungen sind etwas großzügiger gegenüber ihren Mitmenschen – bei ihnen sagen nur etwa 70 Prozent, sie ärgerten sich gelegentlich oder häufig bei anderen über Unpünktlichkeit. Bei der Gen Y (auch Millennials genannt) sagen dies 81 Prozent, bei der Generation X und bei den Boomern sind es jeweils um die 85 Prozent.

Wie kann es aber sein, dass sich so viele über die Unpünktlichkeit anderer ärgern, wenn doch fast alle in Deutschland sagen, sie seien pünktliche Menschen? „Es gibt in verschiedenen Bereichen diesen Optimismus wie hier den Zeitoptimismus, dass sich viele also immer leicht überschätzen und Dinge leichter nehmen und zum Guten hin überschätzen“, sagt der Neuropsychologe Marc Wittmann. Dies sei zum Beispiel auch beim Autofahren der Fall.

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