Insta-Touris stürmen die Alpen

von Redaktion

Klick und weg: Immer mehr Naturziele werden von Urlaubern fürs Foto besucht

Stau an der Talstation für die Seceda.

Mehrere Boote am fotogenen Pragser Wildsee. © Mauritius

Touristen am Marktplatz von Hallstatt. © Engelke/pa

Frauen in Burka in Zell am See. © Jfk/pa

Ein Tourist fotografiert in St. Magdalena. © Sator/dpa

Urlauber stehen am Jungfraujoch Schlange. Sie wollen das begehrte Foto vor der Schweizer Flagge – und blauem Himmel. © Brlek/pa

Sankt Magdalena – Es hat wieder geschneit in Sankt Magdalena über Nacht. Die Dorfkirche mit dem Glockenturm und die Gräbersind mit feinstem Neuschnee überpudert. Das 500-Seelen-Dorf in den Dolomiten, das allerletzte am Ende des lang gezogenen Villnösser Tals, bietet das Bild heiler Alpenwelt. Was St. Magdalena immer mehr zum Verhängnis wird.

Inzwischen wird die Gemeinde – vom Magazin „Geo“ zum „wohl schönsten Dorf Südtirols“ gekürt – von Touristen überrannt. Sogar aus China kommen sie, so wie Han Gengai und Li Shangxi, zwei Studentinnen aus Peking. Die beiden haben das Foto von St. Magdalenas Kirche, wie sie so malerisch vor den Gipfeln der 3000 Meter hohen Geislergruppe liegt, im Internet gesehen. Han (24) sagt: „Ich wusste sofort: Da muss ich hin.“ Früher hätte man das ein großartiges Postkarten-Motiv genannt. Bei Leuten wie Han heißt das nun „instagrammable“. Die Jagd nach dem perfekten Bild fürs Instagram-Konto treibt die Foto-Touristen immer mehr in die Natur. Auf Portalen wie Instagram, TikTok oder Flickr finden sich zehntausende Bilder. Besonders beliebt ist St. Magdalena auf Xiaohongshu, dem chinesischen Gegenstück zu Instagram. Andere hochfrequentierte Ziele in malerischer Natur:

Zell am See (Österreich): Zell am See zählt jährlich mehrere Millionen Übernachtungen, ein erheblicher Teil davon im Sommer durch Gäste aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. Ausschlaggebend ist der starke Klimakontrast: Temperaturen um 22 Grad, saubere Seen, grüne Wiesen und Bergpanoramen stehen im direkten Gegensatz zur Sommerhitze des Nahen Ostens. Für viele Besucher symbolisiert die Kombination aus Wasser, Grün und Bergen die Beschreibung des Paradieses im Koran. In Zell am See haben sich viele Hotels und Restaurants auf die zahlungskräftige Klientel eingestellt.

Grindelwald (Schweiz): Grindelwald profitiert von der Nähe zu ikonischen Gipfeln wie Eiger, Mönch und Jungfraujoch. Die Region ist technisch hoch erschlossen und für jeden erreichbar: Seilbahnen, Panoramaplattformen und Bahnanbindungen ermöglichen Hochgebirgserlebnisse ohne alpines Risiko. Gerade für internationale Gäste ist diese „kontrollierte Natur“ ein entscheidender Faktor. Die Besucher stammen vor allem aus Ostasien und Nordamerika.

Hallstatt (Österreich): Der Ort mit knapp 800 Einwohnern verzeichnet teils über eine Million Tagesgäste pro Jahr. Besonders stark vertreten sind Besucher aus China. Hallstatt wurde dort früh medial verbreitet und gilt als Inbegriff des „romantischen Europas“.

Pragser Wildsee (Südtirol): Der Bergsee wurde international bekannt durch seine ungewöhnlich intensive Wasserfarbe und das symmetrische Ensemble aus See, Bootshaus und Dolomitenkulisse. Die Zahl der Besucher stieg so stark, dass Zufahrtsbeschränkungen eingeführt werden mussten. Der Ort erfüllt zentrale Kriterien moderner Bildästhetik und ist daher für Instagrammer ein beliebtes Ziel: klare Linien, starke Farbkontraste und geringe visuelle Störungen.

Seceda (Südtirol): Der gezackte Dolomitenkamm von Seceda hat sich zu einem internationalen Wahrzeichen entwickelt. Seine fast grafische Linienführung und die einfache Erreichbarkeit per Seilbahn machen ihn zu einem der meistfotografierten Bergpanoramen der Alpen. Der Ort steht exemplarisch für die Verschiebung vom klassischen Bergsteigen zur visuellen Naturerfahrung – Schlangestehen an den Bergbahenen inklusive.

Artikel 6 von 9