Nicht alle Menschen telefonieren gerne, aber persönlicher als ein Nachricht ist es immer. © Imago
Ottobrunn – Seine Erfindung revolutionierte die Welt: Am 14. Februar 1876 ließ Alexander Graham Bell das „Telefon“ patentieren. Kaum jemand ahnte damals, wie sehr es den Alltag verändern würde. Stimmen überbrückten Entfernungen, Informationen wurden in Echtzeit ausgetauscht. Heute konkurriert der Anruf mit Messenger-Diensten, E-Mails und Videokonferenzen. Dennoch hat das Telefonat seinen festen Platz in unserem Leben behalten. Warum das so ist und was gute Umgangsformen damit zu tun haben, erklärt Clemens Hoyos, Inhaber der „KniggeAkademie“, im Gespräch.
Herr Hoyos, darf man heute eigentlich noch jemanden anrufen, ohne sich vorher per WhatsApp anzukündigen?
Unbedingt – zu üblichen Zeiten selbstverständlich. Ob ein Anruf angenommen wird, entscheidet die angerufene Person. Ein Klingeln ist zunächst nur ein Angebot zur Kommunikation, keine Verpflichtung. Wer nicht gestört werden möchte, kann sein Smartphone lautlos stellen oder in den Flugmodus versetzen.
Das Telefon wird 150. Welche Rolle spielt der Anruf heute noch?
Neben Videokonferenzen bleibt das Telefonat die unmittelbarste Form des Austauschs, wenn ein Treffen nicht möglich ist. Ein Anruf ermöglicht einen Dialog in Echtzeit. Selbst unterwegs lässt sich problemlos telefonieren. Der Anruf bleibt persönlicher als jede geschriebene Nachricht.
Viele empfinden Telefonate als störend. Was sagt das über unseren Kommunikationsstil?
Die Unmittelbarkeit überfordert viele. Ein Telefonat verlangt Präsenz, schnelle Entscheidungen und klare Formulierungen. Das ist anspruchsvoller als eine E-Mail. Jüngere Menschen sind mit asynchroner Kommunikation aufgewachsen, die mehr Kontrolle erlaubt. Unser Stil ist insgesamt vorsichtiger und stärker kuratiert geworden. Das spontane Gespräch passt nicht immer dazu.
Welche Unterschiede sehen Sie zwischen privaten und beruflichen Telefonaten?
Fundamental unterscheiden sie sich nicht, wohl aber in der Häufigkeit. Private Telefonate nehmen ab. Im Beruf zählen Sachlichkeit, Freundlichkeit und Zielorientierung. Im Privaten darf mehr Emotionalität mitschwingen. Zielgerichtet telefoniert man dort meist nur bei konkreten Vorhaben.
Hat das Smartphone das Telefonieren verarmt oder bereichert?
Beides. Es schafft Flexibilität, gleichzeitig konkurriert der Anruf mit vielen Kanälen. Oft wird spontan angerufen, ohne Vorbereitung. Und man sollte sich fragen, ob es elegant ist, ein ganzes Zugabteil mithören zu lassen. Der Anruf ist nicht mehr das wichtigste Medium, aber oft das verbindlichste.
Warum wirkt eine Stimme unmittelbarer als eine Nachricht?
Weil am anderen Ende ein Mensch in Echtzeit reagiert. Die Stimme überträgt Emotionen – Pausen, Zögern, Lächeln. Das schafft Beziehung. Bei einer Sprachnachricht spricht man eher zu einer Technik als miteinander. Schon bewusstes Lächeln verändert den Ton.
Warum telefonieren Ältere häufiger als Jüngere?
Für ältere Generationen war das Telefon jahrzehntelang das zentrale Medium. Jüngere sind mit Chats aufgewachsen, die mehr Kontrolle erlauben. Das Telefonat verlangt spontane Reaktion und Improvisation. Diese Form der Spontaneität wird heute seltener trainiert.