Chinas Jugend sucht Rat bei KI

von Redaktion

Das Logo des chinesischen KI-Start-ups DeepSeek. © Pleul/dpa

Peking – Sehr viele junge Menschen in China kämpfen mit psychischen Problemen – Experten zufolge suchen sie zunehmend Rat bei Künstlicher Intelligenz. „Das emotionale Wohlbefinden von jungen Menschen in China steckt in einer Krise“, heißt es in einem Buch der Psychologin Olive Woo und des KI-Experten Yuk Ming Tang. Zugleich seien psychische Erkrankungen in der chinesischen Gesellschaft noch immer stigmatisiert, entsprechend hoch sei die Hürde, sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen.

Junge Menschen stehen in China unter enormem Druck, als Einzelkinder Erwartungen der Familie zu erfüllen, Plätze an den besten Schulen und Universitäten zu ergattern und nach dem Abschluss auf dem schwächelnden Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Hinzu komme sozialer Druck durch den Dauervergleich in sozialen Medien und der Stress, dort womöglich etwas zu verpassen.

Zudem gelten in China psychische Probleme laut Woo als eigenes oder familiäres Versagen. Der drohende Gesichtsverlust könne verhindern, dass junge Leute professionelle Hilfe bei einem Therapeuten suchen, heißt es im Buch „DeepSeek and Mental Health Support Among Chinese Youth“.

Die Zahlen der sogenannten „stillen Epidemie“ seien erschreckend. Suizid sei eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Nach Schätzungen litten rund ein Fünftel der Jugendlichen unter Symptomen einer Depression. Unzählige Menschen erhielten nicht die Unterstützung, die sie dringend benötigten.

Vielfach werden inzwischen populäre KI-Plattformen wie DeepSeek als Rettungsanker gesehen, wie Woo und Tang erläutern. Die Hemmschwelle sei niedrig, DeepSeek auf die Bedürfnisse der chinesischen Gesellschaft zugeschnitten, die Hilfe vorurteilsfrei und rund um die Uhr möglich.

Zudem sei KI auch für Menschen in abgelegenen oder einkommensschwachen Regionen verfügbar, in denen es kaum Therapeuten gebe. Generell ist das begrenzte Hilfsangebot dem Expertenduo zufolge ein Problem: Auf 100 000 Menschen kämen geschätzt etwa zwei Psychiater, was weit unter dem globalen Durchschnitt liege.

Allerdings bestehe die Gefahr einer übermäßigen Abhängigkeit von der Technologie, geben die Autoren zu bedenken. KI-Systeme hätten keine echte Empathie und emotionale Intelligenz, sie könnten teils schädliches Feedback liefern und die psychische Gesundheit Ratsuchender sogar noch verschlechtern.

Schon jetzt haben viele junge Chinesen ein besonders inniges Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz: In sozialen Medien des Landes teilen Menschen zum Beispiel Anleitungen dafür, DeepSeek mit Texteingaben so anzuleiten, dass man mit der KI danach wie mit einem perfekten Date oder Traum-Freund kommunizieren kann.

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