Turnerin Johanna Quaas ist jetzt auch 100. © Rebsch/dpa
Rudolf Götz mit seinem Trainer Marc Baldow.
Götz trainiert bereits seit neun Jahren.
Pfarrer Rudolf Götz trainiert im Vitalcenter Fürstenwalde. Mühelos bewegt der 100-Jährige die Gewichte hoch und runter. © Pleul/dpa (3)
Fürstenwalde/Berlin – Mühelos bewegt der 100-jährige Rudolf Götz die Gewichte am Bauchtrainer hoch und runter. Routiniert drückt er auch die 40 Kilogramm an der Beinpresse vor und zurück, nichts knackt oder schmerzt. „Manch anderer im Alter von 50 oder 60 würde bei den Gewichten schon stöhnen“, sagt Trainer und Fitnessstudio-Inhaber Marc Baldow lachend, während er seinem ältesten Mitglied über die Schulter schaut.
Zweimal die Woche absolviert der Rentner im Fürstenwalder Vitalcenter in Brandenburg sein Zirkeltraining – ohne großes Aufheben. Das Umziehen spart er sich, „Rudi“, wie ihn hier alle nennen, steigt direkt in Pullover oder Hemd an die Geräte und trainiert etwa eine Stunde lang. Er ist in der Region schon eine kleine Berühmtheit, die „Märkische Oderzeitung“ nannte seine Geschichte „unglaublich“.
Erst vor neun Jahren hat er mit dem Training begonnen. „Ich habe mich schwach gefühlt. Die Beine wollten nicht mehr so“, erzählt er. Ein Werbeflyer brachte ihn ins Studio. Der Anfang sei schwer gewesen, doch nach und nach sei es besser geworden, sagt Götz, der eigenen Worten zufolge weder gesundheitliche Beschwerden noch künstliche Gelenke hat. „Nur der Blutdruck ist etwas zu niedrig“, meint er.
Wie wichtig Kraft im Alter ist, bestätigt auch Baldow. „Die Beine müssen einen tragen, wenn das nicht mehr gegeben ist, beginnt eine Abwärtsspirale“, sagt er mit Blick auf Sturzrisiken und Knochenbrüche. Es lohne sich, auch im hohen Alter anzufangen. „Es kommt öfter vor, dass Leute mit 70 oder 80 hier beginnen.“ Auch bei Ärzten steige das Bewusstsein dafür, wie hilfreich das Training sei, berichtet Baldow, der gezielt auch Menschen ab 60 anspricht.
Dass Alter und Aktivität gut zusammenpassen, zeigen auch andere Beispiele. Johanna Quaas aus Halle, die „Turn-Oma“, gilt laut Guinness-Buch als älteste Turnerin der Welt und feierte 2025 ihren 100. Geburtstag. Die 86-jährige „Fitness-Oma“ Erika Rischko aus Langenfeld inspiriert viele Menschen in den Sozialen Medien. In Berlin zählt Gisela Raff mit 106 Jahren zu den ältesten aktiven Sportlerinnen. Sie trainiert regelmäßig im Sport-Gesundheitspark Berlin, einem Verein, der sich auf Angebote für ältere Menschen spezialisiert hat. „Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 70 Jahren“, sagt Sportwissenschaftler Marcel Werner vom Verein.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche oder alternativ 75 Minuten intensivere Bewegung. Zusätzlich sollten an zwei Tagen die Muskeln gezielt gekräftigt werden. Doch die Realität sieht anders aus: Nur 43 Prozent der 65- bis 79-Jährigen erfüllen die Ausdauerempfehlung. Bei den über 80-Jährigen sind es lediglich 25 Prozent. Für die Muskelkräftigung liegen die Werte mit 22 beziehungsweise 10 Prozent noch niedriger. Das zeigt die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ aus dem Jahr 2024.
Rund 1,1 Millionen Menschen über 60 seien in Fitnessstudios angemeldet, heißt es vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV). In Sportvereinen sind es laut Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) sogar mehr als fünf Millionen. Der DOSB verweist auf zahlreiche Angebote, die über die App „Bewegungslandkarte“ leicht zu finden sind – darunter viele speziell für Menschen über 70. Auch Fitness- und Gesundheitsanlagen reagieren auf die wachsende Zielgruppe. Laut DSSV-Sprecher Alexander Wulf zeichnen sich ihre Programme durch niedrige Einstiegshürden, angepasste Intensitäten, eine hohe Betreuungsdichte und kleine Gruppen aus.
Für die Fitness- und Gesundheitsbranche ist die Altersgruppe 60 plus laut DSSV-Sprecher Wulf längst zentral, doch als Zielgruppe noch nicht ausgeschöpft. Dabei könne regelmäßige Bewegung viel bewirken. „Viele Best Ager erleben, dass sie durch regelmäßige Bewegung nicht nur körperlich stärker und beweglicher werden, sondern auch neues Vertrauen in den eigenen Körper gewinnen – oft mit spürbar mehr Lebensqualität, Selbstständigkeit und Freude am Alltag, selbst im hohen Alter“, sagt er.