Bandenkrieg um Berlin

von Redaktion

Drogen, Waffen, Auftragskiller: Türkische Gangs kämpfen in der Hauptstadt um Reviere

Clan-Boss Mehmet K. starb im Januar. © Instagram,

Jede Woche rückt die Polizei wegen der Banden aus. © dpa

Berlin/Istanbul – Die Kugeln treffen Fensterscheiben von Bars und Türen von Restaurants. Eine Handgranate explodiert spätnachts in einem leeren Nachtclub in Kreuzberg. Täter feuern auf das Einfamilienhaus eines wohlhabenden Vertreters der türkisch-kurdischen Szene. Immer wieder werden Unbeteiligte durch Schüsse verletzt. Das Landeskriminalamt (LKA) ist seit vorigem Jahr alarmiert: Berlin ist Schauplatz eines Bandenkriegs, den die organisierte Kriminalität aus der Türkei nach Deutschland getragen hat.

Vor allem bei Ladenbesitzern mit türkischem Hintergrund herrscht Furcht. Berichtet wird von Drohanrufen. Wer kein „Schutzgeld“ zahlt, werde bestraft, heißt es. Kaum ein Opfer geht zur Polizei. Die Clan-Akteure aus der Türkei drängen in den lukrativen Drogenhandel. Fast jede Woche berichtet die Polizei von Gewaltvorfällen in der Parallelwelt der Revierkämpfe. „Wir sehen inzwischen rivalisierende Banden, die auf Berlins Straßen sichtbar Gewalt einsetzen, sei es durch Handgranatenwürfe auf Lokale, sei es durch Schüsse auf Menschen, Fahrzeuge und auch Gebäude“, sagt Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU).

2025 zählte die Polizei 543 Fälle, in denen geschossen wurde. Dazu kamen 629 Fälle von Drohungen mit einer Schusswaffe. Im Jahr 2024 waren es noch einige hundert Fälle weniger – 363 Mal wurde geschossen und 303 Mal gedroht.

Was gerade in Deutschland und speziell Berlin Fuß fassen will, ist in der Türkei schon länger ein großes Problem: Straßenbanden der „neuen Generation“, die durch Erpressung, Drogen- und Waffenschmuggel erstarkt sind, so der Journalist und Autor Osman Cakli. Darunter sind die Daltons – diesen Namen trugen eine historische Bande sowie Gangster-Brüder in den „Lucky Luke“-Comics. Bekannt sind sie für ihr brutales Vorgehen und die Rekrutierung junger Mitglieder über Soziale Medien.

Die Gangs lösten bei jungen Menschen aus Armenvierteln Faszination und Sehnsucht aus, sagt Cakli. Auf Tiktok präsentierten sie ein Leben, das Träume weckt: Geld, teure Autos, Waffen. Jugendliche, die sich den Banden anschließen, stammen oft aus kurdischen oder alevitischen Familien, die durch jahrzehntelange Diskriminierung an den Rand der Gesellschaft in der Türkei gedrängt wurden. Waffen seien problemlos verfügbar. Per Tiktok könne man sich von einem Kurier für umgerechnet knapp 60 Euro eine Waffe liefern lassen, berichtet Cakli. Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr gebe es bereits für 300 Euro.

Dass die Daltons sich auch in Berlin ausbreiten, hat laut Beobachtern zum einen mit zunehmendem Druck in der Türkei zu tun. Zum anderen gehe es um die Erschließung neuer Märkte. Berlin sei eine Metropole mit einem florierenden Drogenmarkt, zugleich seien Polizei und Justiz unterbesetzt, erklärt die Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Banden seien brutaler als früher. „Alle haben Schusswaffen, auch längst nicht mehr nur kleine Kaliber. Es wird reaktiv skrupellos vorgegangen, nicht lange gedroht, sondern auch sofort gehandelt.“

Tatsächlich zeigt die Bande auch öffentlich Präsenz. Bei der Beerdigung des prominenten Clan-Bosses Mehmet K. im Januar prangte auf einem großen Kranz die Aufschrift „Daltonlar“.

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