Welle der Gewalt: Bei den Ausschreitungen wurden Läden geplündert und Autos angezündet. © ESTRELLA/AFP
Mexiko-Stadt – Als Reaktion auf die von Mexikos mächtigstem Drogenkartell losgetretenen Ausschreitungen hat die mexikanische Regierung am Dienstag insgesamt 10.000 Soldaten in verschiedene Bundesstaaten entsandt. Auslöser des Chaos war die Tötung des Drogenbosses Nemesio „El Mencho“ Oseguera Cervantes (wir berichteten). Bei anschließenden Kämpfen wurden mindestens 74 Menschen getötet, darunter 25 Beamte der Nationalgarde und ein weiterer Drogenboss.
Das von „El Mencho“ gegründete Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) ist die derzeit wohl mächtigste kriminelle Organisation in Mexiko. Die Gruppe wurde 2010 zunächst als ein bewaffneter Arm des Sinaloa-Kartells gegründet, machte sich dann selbstständig und breitete sich rasch aus. Das Kartell ist in Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Öldiebstahl und die Schleusung von Migranten verwickelt. Es funktioniert nach einem Franchise-Modell, das kleineren regionalen Gruppen erlaubt, die „Marke“ CJNG zu nutzen.
Nach Schätzungen des US-Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung hat das Kartell zwischen 15.000 und 20.000 Mitglieder. Die Kämpfer des CJNG gehen äußerst brutal vor und schossen bei Kämpfen mit Sicherheitskräften schon einmal einen Militärhubschrauber ab. Vor allem aber hat das Verbrechersyndikat Teile der Sicherheitsbehörden und der Politik infiltriert.
Ob nun eine lange Welle der Gewalt in Mexiko droht, ist schwer vorauszusagen. Am Tag nach der Tötung des Drogenbosses herrschte in Mexiko eine angespannte Ruhe. Gewalttätige Reaktionen auf die Festnahme oder den Tod von Drogenbossen sind durchaus üblich. 2019 ließ die Regierung einen Sohn des Chefs des Sinaloa-Kartells nach seiner Verhaftung sogar wieder laufen, weil die Mitglieder der Organisation in Sinaloa tagelang Straßen blockierten und Sicherheitskräfte attackierten.
Andererseits haben die kriminellen Banden in Mexiko eigentlich kein Interesse an einer direkten Konfrontation mit dem Militär und der Polizei – ihre Geschäfte laufen meist unter dem Radar besser, wenn Ruhe herrscht. Allerdings könnte es innerhalb des Kartells Jalisco Nueva Generación zu Kämpfen um die Nachfolge von „El Mencho“ kommen oder andere Verbrechersyndikate könnten die vermeintliche Schwäche des CJNG für Expansionspläne ausnutzen.
Nach Angaben von Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum beruhigte sich die Lage am Dienstag allmählich wieder. Das Auswärtige Amt rief Deutsche in Mexiko dennoch zur Vorsicht auf. Touristen sollten sichere Orte wie Hotels möglichst nicht verlassen und Menschenansammlungen meiden. Wer in eine Straßensperre gerate, solle sich nicht widersetzen oder flüchten.
Mehrere Fluggesellschaften aus den USA und Kanada sagten Flüge in mexikanische Städte ab. Maschinen, die bereits auf dem Weg nach Mexiko waren, mussten auf halber Strecke umkehren. Auch Mexikos südlich angrenzendes Nachbarland Guatemala verstärkte die Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze.