Frühjahrsmüdigkeit: Nur ein Mythos?

von Redaktion

Neue Studie aus der Schweiz sagt, dass Schlappheit reine Einbildung ist

Ist die Frühjahrsmüdigkeit nur Einbildung? © Mauritius

Basel/Bern – Im Frühjahr fühlen sich viele Menschen erschöpft – dafür gibt es hierzulande sogar einen eigenen Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Aber stimmt das überhaupt? Einer Schweizer Studie zufolge sorgt gerade der gängige Begriff dafür, dass wir verstärkt auf Müdigkeit achten. Demnach gaben in einer Online-Umfrage zwar viele Menschen an, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. Aber detaillierte Befragungen von hunderten Menschen über ein Jahr hinweg ergaben darauf keinerlei Hinweis.

Bei dem viel beschworenen Phänomen handele es sich nach ihren Erkenntnissen um einen Mythos im deutschsprachigen Raum, schreiben Studienleiterin Christine Blume von der Universität Basel und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern im „Journal of Sleep Research“. Der sei gerade dadurch so mächtig, weil der Begriff Frühjahrsmüdigkeit so fest etabliert sei. Demnach handelt es sich quasi um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.

Als Erklärung für Frühjahrsmüdigkeit wird mitunter angeführt, bei steigenden Temperaturen weiteten sich die Blutgefäße, und der Blutdruck sinke. Daran müsse sich der Körper erst gewöhnen. Zudem wird oft auf Hormone verwiesen – etwa auf einen Überschuss des „Nachthormons“ Melatonin nach dem Ende des Winters. Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut, so Blume: „Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.“

Um die Frage zu klären, starteten Blume und Vorster vor zwei Jahren eine Online-Befragung. Dabei machten 418 Menschen ab April 2024 ein Jahr lang alle sechs Wochen Angaben zu Schlaf und Müdigkeit. Mit 47 Prozent gab zwar fast die Hälfte der Befragten an, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein. Doch die Einzelbefragungen im Jahresverlauf lieferten dafür keine Bestätigung: Es gab weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität in dieser Jahreszeit. „Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen.“

Doch woher stammt der Glaube an Frühjahrsmüdigkeit dann? Ein Verdacht: Alleine die Verbreitung dieses Mythos könnte Menschen für eine solche Wahrnehmung empfänglicher machen – gerade weil der Begriff so etabliert ist. Psychologen sprechen von einem Labeling-Effekt: Wein schmeckt Menschen etwa dann besser, wenn ihnen gesagt wird, dass er besonders teuer war.

„Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun“, erläutert die Forscherin. „Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ‚Symptome‘.“ Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt – also der Bestätigung einer negativen Erwartung. Ähnlich wie beim Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartung die Wahrnehmung prägt.

Außerhalb des deutschsprachigen Raums sei der Begriff Frühjahrsmüdigkeit laut Blume kaum bekannt oder nicht existent. In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff „spring fever“. Dieses „Frühlingsfieber“ wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie: Fit für den Frühling!

Artikel 10 von 11