Wien kämpft gegen Lärm und Leberkäs

von Redaktion

„Host kan Genierer?“: Kampagne für mehr Schamgefühl startet in U-Bahnen und Bussen

Kampagne für mehr Schamgefühl: Stark riechendes Essen soll aus Bussen und Bahnen verschwinden. © Wiener Linien

Wien – Nicht nur in Wien kennt man den Ärger in der U-Bahn, im Linienbus oder in der Bim, wie die Straßenbahn genannt wird: Man will gar nicht informiert sein über den komplizierten Beziehungsstatus des Laut-Telefonierers. Aber man erfährt alles haarklein. Erst am Mittwoch meinte eine jüngere Nebensitzerin unüberhörbar: „Und heute Abend geht’s ab, echt.“

Die Nase muss die würzigen Ausdünstungen von Leberkäs-Semmeln oder Döner mit schnüffeln – ob sie will oder nicht. Dann steigt eine Gruppe ein, die gute oder weniger gute Musik über ihre Boxen abspielt. Und beim Aussteigen muss man aufpassen, dass einen ein Passant nicht in der Drehung mit seinem übergroßen Rucksack umhaut.

Das unflätige Verhalten mancher Mitmenschen soll in Wien nun drastisch eingedämmt werden. „Host kan Genierer?“ nennt sich die Aktion der „Wiener Linien“, welche den öffentlichen Nahverkehr in der Donaumetropole organisiert. Dem Nicht-Wiener kommt die Frage etwas unzugänglich vor. Der „Genierer“ ist ein vornehmlich österreichisches Nomen, das so viel bedeutet wie Anstand oder Schamgefühl.

Überall im Netz der Wiener Linien sind nun Plakate angebracht, die Frauen mit übergroßen Handys zeigen oder Männer, die in gigantische Leberkäs-Semmeln reinbeißen. In den Stationen werden Filme dazu abgespielt und Durchsagen gemacht. Auf Social Media gibt es jede Menge Posts dazu. Und der Musiker Lorenz Ambeek hat gar einen Song veröffentlicht mit dem Titel „Ka Genierer“.

Die für die Öffis zuständige SPÖ-Stadträtin Ulli Sima arbeitet hartnäckig an dem Thema, das ihr eine Herzensangelegenheit ist. Sie listet weitere Verfehlungen auf, die so manche Mitfahrende nerven: Knoblauchpizza, das lautstarke Besprechen der Einkaufsliste oder die Planung der verschiedenen Gänge des Abendmenüs samt Weinbegleitung. „Wir wollen das Bewusstsein stärken, dass jede und jeder Verantwortung für ein respektvolles Miteinander trägt“, so Sima. Die Öffis seien „ein gemeinsamer Raum, rücksichtsloses Verhalten ist schlichtweg nicht akzeptabel“.

An den Haltestellen und vor den U-Bahn-Türen stehen nun Plakate mit Parolen wie: „Für dich egal, für andere eine riesige Qual: Riechendes Essen kommt einfach nicht gut an.“ Oder auch: „Hunde ohne Maulkorb kommen einfach nicht gut an.“ Während hingegen Maulkorb und Leine Vertrauen schafften zu „Herrl und Gscherrl“, Letzteres steht für den Hund. „So können sich alle wohlfühlen.“

2,4 Millionen Menschen nutzen täglich den Wiener ÖPNV. Laut einer Umfrage unter 800 Personen stören sich 86 Prozent der Fahrgäste an unangemessenem Verhalten von anderen. Nun möchte man diese meist schweigende Mehrheit ermutigen, die Betreffenden zu fragen: „Host kan Genierer?“ Auch das ÖPNV-Personal soll aktiver werden.

Manche Verhaltensweisen könnten schon jetzt bestraft werden. So ist Essen seit 2019 in den Wiener Linien nicht erlaubt, dafür kann es 50 Euro Strafe geben. Der Bußgeldkatalog ließe sich ausweiten. Auf ein solches autoritäres Durchgreifen soll aber vorerst verzichtet werden. Laut Wiener Linien setze man im ersten Schritt auf „Information und Sensibilisierung“. Man versucht es jetzt mit Appellen, gewürzt mit einer angenehmen Prise Humor – eben mit Wiener Schmäh.PATRICK GUYTON

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