„Du hast mich virtuell vergewaltigt“: Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen Ex-Mann Christian Ulmen. © Schneider/ People Picture
München – Die schweren Vorwürfe von Collien Fernandes (44), der eine Welle der Solidarität ausgelöst hat (siehe Kasten). Der Prozess um Marius Borg Høiby. Die Missbrauchsnetzwerke rund um Jeffrey Epstein. Der Fall von Gisèle Pelicot, die über Jahre von ihrem eigenen Ehemann betäubt – und von dutzenden Männern missbraucht wurde. Unterschiedliche Länder. Unterschiedliche Kontexte. Und doch verbindet sie etwas: Das sind keine Ausrutscher im Verhalten von Männern gegenüber Frauen. Warum ist das so? Ein Interview mit Matthias Herzog, Mental Health Coach, selbst Vater von drei Töchtern.
Herr Herzog, warum werden Männer zu Monstern?
Die ehrliche Antwort ist unbequem: Männer werden selten plötzlich zu Tätern. Sie entwickeln sich dahin. Durch drei Dinge: fehlende Grenzen, Macht ohne Grenzen und ein Umfeld, das zu lange schweigt. Was wir gerade erleben, sind keine Einzelfälle. Das sind Warnsignale, die wir zu lange ignoriert haben.
Was zeigt uns der Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen?
Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, sprechen wir hier von einer neuen Dimension: digitale Gewalt, Kontrolle über Identität, gezielte Erniedrigung. Sie nennt es selbst „virtuelle Vergewaltigung“. Und genau das trifft es. Es geht nicht um Sexualität. Es geht um Macht: „Ich kontrolliere dein Bild, ich bestimme, wie andere dich sehen.” Ein Mensch wird über Jahre systematisch entwertet. Das ist ein System in einer Beziehung.
Auch der Umgang mit Frauen von Marius, dem Sohn von Mette Marit, schockiert. Er sei laut Staatsanwalt „kein Monster“. Im Ernst?!
Das ist der wichtigste Satz. Denn er zeigt: Täter sind oft keine Fremden, sondern Menschen ohne klare Grenzen. Wenn wir von „Monstern“ sprechen, beruhigen wir uns selbst. Aber die Wahrheit ist: Die meisten Täter wirken nach außen völlig normal.
Wo beginnt dieses Verhalten?
Sehr früh. In der Erziehung. In Rollenbildern. Viele Männer wachsen mit einem gefährlichen, oft unausgesprochenen Glaubenssatz auf: „Du bist mehr wert als eine Frau.“ Nicht offen. Aber spürbar: in Erwartungen, in Beziehungen, im Alltag.
Haben Sie dafür Beispiele aus Ihrer Arbeit?
Es reicht schon, wenn ich mich mit anderen Männern – vor allem in der Businesswelt austausche und ich beim Thema Familie sage: „Ich habe drei Töchter.” Da heißt es dann oft. „Oh, du hast nur Töchter.” Meine Antwort darauf: „Ja, ich habe ausschließlich Töchter. Und bin sehr glücklich und dankbar für meine vier Frauen zu Hause.” Und es ist auch in anderen Bereichen erschreckend konkret. In Vorgesprächen mit Frauen fallen oft Sätze wie: „Ich muss erst meinen Mann fragen, ob ich die Coachingausbildung machen darf.“ Und wir reden hier nicht über Einzelfälle. Dagegen höre ich diesen Satz von Männern so gut wie nie, dass die noch mit ihrer Frau Rücksprache halten müssten. Und ich habe Frauen im Coaching sitzen, die leiser werden, wenn sie darüber sprechen. Nicht, weil es leise ist – sondern weil sie gelernt haben, nicht laut zu sein.
Aber wir leben doch in einer modernen Gesellschaft. Ist das nicht überholt?
Das alte Rollenbild ist nicht weg – es hat nur die Form verändert. Früher war es offen: Mann entscheidet, Frau folgt. Heute ist es subtiler – und genau deshalb gefährlicher: Der Mann muss sich überlegen fühlen, muss über der Frau stehen. So die Überzeugung vieler Männer. Und wenn das nicht mehr funktioniert, passiert beim Mann Folgendes: Ego springt an, Kontrolle nimmt zu, Abwertung beginnt. Das ist keine Beziehung mehr. Das ist Machtverhalten.
Warum haben viele Männer Angst vor Frauen?
Weil viele Männer tief drin spüren: Frauen verbinden Emotion und Verstand oft besser. Frauen führen häufig empathischer. Frauen sind sozial oft stärker. Und das bringt ein fragiles Selbstbild ins Wanken. Testosteron ist nicht das Problem. Aber ein Ego, das nicht gelernt hat, sich zu regulieren, wird gefährlich. Dann passiert Folgendes: Unsicherheit wird zu Kontrolle. Kränkung wird zu Dominanz. Viele Männer kämpfen nicht gegen Frauen – sie kämpfen gegen das Gefühl, nicht genug zu sein. Viele Männer feiern starke Frauen – solange sie ihnen nicht vorgesetzt sind.
Warum versuchen manche Männer aktiv, Frauen klein zu halten?
Weil Kontrolle einfacher ist als Entwicklung. Zwei typische Muster: Der Mann ohne Einfluss im Job fühlt sich klein – und kompensiert zu Hause mit Kontrolle. Der Mann mit Problem gegenüber weiblicher Führung akzeptiert keine Autorität von Frauen – weil es nicht in sein Weltbild passt. In Wahrheit gilt jedoch folgendes: Wer Frauen klein hält, hat nie gelernt, selbst groß zu sein.
Was verbindet all diese Fälle – von Prominenten bis zu globalen Skandalen?
Erstens: Entmenschlichung – der bzw. die andere wird zum Objekt. Zweitens: Macht – ohne Konsequenzen. Drittens: Schweigen – vom Umfeld. Das war bei Epstein so. Das sehen wir heute wieder. Das Problem sind nicht einzelne Männer – sondern ein System, das sie zu lange schützt.
Was können Frauen konkret tun?
Die Verantwortung liegt beim Täter. Punkt. Und trotzdem gibt es Dinge, die Frauen stärken: früh Grenzen setzen, Warnsignale ernst nehmen, raus aus der Isolation, Scham ablegen, in die eigene Stärke kommen. Sich nicht kleinmachen. Und: Nicht die Opferrolle verlassen müssen, sondern die eigene Kraft wieder einnehmen.