Junge Frauen protestieren gegen Gewalt. © dpa
Madrid – Der ahnungslose Besucher kann in Spanien schnell in die Klischeefalle tappen. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Medien nicht über eine Frau berichten, die vom Partner oder Ex-Partner getötet wurde. Es wird über neue und alte Fälle, Prozesse, Beerdigungen sowie über die Proteste empörter Angehöriger, Freunde und Nachbarn – oft ganzer Gemeinden – breit informiert. „Typisch Macho-Land! Hier ist es ja brandgefährlich für Frauen!“, mag da manch ein deutscher Tourist denken.
Doch der Eindruck täuscht. Im vergangenen Jahr wurden in Spanien nach Angaben des Gleichstellungsministeriums in Madrid 48 Frauen von Partnern oder Ex-Partnern getötet – das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2003. Zum Vergleich: In Deutschland, wo solche Fälle erst seit wenigen Jahren überhaupt offiziell erfasst werden, registrierte das Bundeskriminalamt BKA 2024 insgesamt 132 tödliche Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen.
Südwestlich der Pyrenäen gibt es solche Debatten nicht erst seit gestern. Die seit Jahren anhaltenden Berichte, die Proteste und Mobilisierungen mögen manche Besucher zu falschen Schlüssen verleiten. Sie zeigen aber vielmehr, welchen Stellenwert das Thema „violencia de género“ in Spanien hat. Das Land gilt in Europa als Pionier im Kampf gegen Gewalt an Frauen.
Das Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt wurde in Spanien bereits vor über 20 Jahren, und zwar 2004, verabschiedet. Seitdem existiert eine staatliche Beobachtungsstelle für häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt. Die aktuelle Gleichstellungsministerin Ana Redondo bezeichnet das Gesetz von 2004 als „revolutionär, wegweisend und internationalen Referenzpunkt“.
Ein zentraler Baustein sind Strukturen, die es zum Beispiel in Deutschland so immer noch nicht gibt: Praktisch jedes spanische Amtsgericht verfügt über eigene Kammern mit speziell ausgebildeten Richtern. Schulungen gibt es nicht nur für Richter und Anwälte, sondern auch für Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Polizisten. Landesweit stehen rund 60 Krisenzentren rund um die Uhr zur Verfügung, ergänzt durch Hotlines in über 50 Sprachen.
Die digitale Vernetzung spielt eine wichtige Rolle: Alle Sicherheitsbehörden arbeiten mit dem System VioGén2, das einen schnellen Datenaustausch ermöglicht und Schutzmaßnahmen koordiniert. Technische Mittel wie elektronische Fußfesseln für Täter im Umfeld besonders gefährdeter Opfer werden in Spanien bereits seit mehr als 15 Jahren eingesetzt. Anfang 2024 waren landesweit über 4000 Systeme aktiv. In Deutschland wurde ein entsprechender Gesetzentwurf erst kürzlich auf den Weg gebracht. Und auch strafrechtlich geht Spanien konsequent vor – mit mindestens zwei Jahren Haft.