Riesenschlangen in den USA, hier am JFK-Flughafen in New York: Es gibt Tränen und Verzweiflung. © Yuki Iwamura/dpa
Washington – Das, was derzeit Millionen Flugpassagiere an den Airports der US-Metropolen erleben, hat man in den Vereinigten Staaten noch nicht gesehen. Kilometerlange Warteschlangen vor den Sicherheitsschleusen, von denen oft nur eine Kontrollstation geöffnet ist. Die endlos scheinenden Reihen der Passagiere erstrecken sich oft bis tief in die Parkgaragen hinein. „Ich habe mehr als neun Stunden gestanden und natürlich meinen Flug verpasst“, berichtete ein Geschäftsmann in Houston (Texas), einem bevorzugten Einreiseflughafen auch für deutsche Touristen.
Wer auf die Toilette muss, für den halten andere Passagiere den Warteplatz. Wer es wirklich eilig hat und etwa zu Beisetzungen oder sterbenden Verwandten reisen muss, für den gibt es kein Mitleid. Immer wieder wird berichtet: Wer andere Passagiere darum bittet, in der Schlange vorrücken zu dürfen, werde von Angestellten zur Rede gestellt und zur Strafe ganz ans Ende der Wartenden geschickt.
Augenzeugen berichten von Weinkrämpfen bei Reisenden, die nach vielen Stunden frustriert aufgeben und versuchen, einen der wenigen Mietwagen zu ergattern. Und das Ganze bei einer ungewöhnlich frühen Hitzewelle, die vor allem den Süden der USA erfasst hat. Besserung ist nicht in Sicht. Seit nunmehr 41 Tagen verweigern die US-Demokraten im Kongress ihre Zustimmung zu einem Haushaltsgesetz, das die Finanzierung des „Department of Homeland Security“ (DHS) sicherstellen würde. Der Stein des Anstoßes ist für die US-Opposition, dass das Gesetz auch die bei den Demokraten so verhassten ICE-Beamten mitfinanzieren soll. Diese Grenzpolizisten leisten für Donald Trump die Hauptarbeit bei der Deportation von illegalen Migranten.
Die Demokraten glauben: Maximales Chaos auch an den Flughäfen kann ihnen angesichts der bevorstehenden Kongress-Zwischenwahlen im November möglicherweise nutzen. Sie setzen darauf, dass ein Teil der Bürger nicht begreift, wem sie die Flughafen-Hölle zu verdanken haben – sondern das Geschehen vor allem dem Weißen Haus anlastet. Diese Überzeugung sitzt so tief, dass die Demokraten selbst großzügige Kompromisse der Regierung ablehnen. So hatten die Republikaner jetzt einen neuen Gesetzesentwurf vorgelegt, mit dem die Kontrollbeamten des Heimatschutzes bezahlt werden würden, aber ICE vorerst leer ausgehen würde. Doch auch hierzu sagte am Mittwoch Charles Schumer, Senats-Fraktionschef der Demokraten, nein.
Weil die Sicherheitskontrolleure in den Flughäfen schon sechs Wochen lang kein Gehalt mehr bekommen haben, lässt sich ein Teil von ihnen krankschreiben, um Teilzeitjobs anzunehmen. Das ist zwar gegen das Gesetz, aber kaum nachprüfbar. Andere legen den Job ganz nieder. Und jene, die noch unbezahlt zur Arbeit erscheinen, leiden unter dem Stress der Überbelastung, wie Betroffene berichten. Rund 60 Prozent der Kontrolleure an den Schleusen fehlen derzeit, so ein DHS-Sprecher. Auch für die am 11. Juni beginnende Fußball-Weltmeisterschaft, die in den USA sowie Mexiko und Kanada ausgetragen wird, sind dies schlechte Aussichten. Selbst wenn man tausende neue Mitarbeiter nach dem Ende des Dramas anstellen würde, so dürfte deren Training so lange dauern, bis die Fußball-WM vorbei ist, so das DHS. Sprich: Auch Besucher aus Deutschland müssen sich auf harte Zeiten bei den Kontrollen einstellen.FRIEDEMANN DIEDERICHS