Eine Babyklappe mit Erstlings-Kleidung in der Großstadt Hamburg. © Christian Charisius/PA
Bergamo – Der Text auf dem Zettel ist handgeschrieben und herzzerreißend. Gerade hat eine Mutter ihr Neugeborenes abgegeben, verlassen und doch auch gerettet. Vielleicht war der Vater dabei, man weiß es nicht. Auf dem Stück Papier steht: „Wir wünschen dir alles Gute, all die Freude und Gelassenheit, die du verdienst und die wir dir nicht garantieren können. Wir haben dich von Anfang an geliebt und werden dich immer lieben.“ Schon heute ist klar, wie prägend diese Sätze einmal sein werden für das Kind.
Pietro, so haben die Freiwilligen des Roten Kreuzes im norditalienischen Bergamo das Baby getauft, ist nun alleine auf der Neugeborenenstation des Krankenhauses. Am Sonntagmorgen wurde das Kind in der Babyklappe des Roten Kreuzes in Bergamo anonym abgegeben. In acht Sprachen steht an der Wand des Containers mit dem vorgeheizten Babybettchen: „Verlass dein Kind nicht. Lass es in diesem Kinderbett, ohne dass jemand von dir erfährt.“ Die offenbar überforderten Eltern hielten sich an diese Anweisung.
Eine Kamera ist auf das Bettchen gerichtet. So sehen die Helfer, dass ein Kind in der Klappe liegt. Ein Krankenwagen wurde geschickt, drei Sanitäter brachten Pietro in die Klinik, Polizei und Staatsanwaltschaft wurden routinemäßig verständigt. Dem Baby soll es gut gehen, es soll essen und gut genährt sein. „Die Klappe ist das ganze Jahr über 24 Stunden in Betrieb“, sagte Gianluca Sforza vom Roten Kreuz. „Als die Helfer zurückkamen, hatten sie Tränen in den Augen und hätten gesagt: Wir haben ein Leben gerettet!“ So berichtet es Sforza der Zeitung „La Repubblica“. „Wir haben einer Frau in einer dramatischen Situation eine Alternative gegeben“, fügte der Funktionär hinzu.
Warum lassen Mütter ihre Kinder in einer Babyklappe? Gewiss aus dem Gefühl der Überforderung und in dem Unwissen, dass anonyme Geburten in Krankenhäusern in Italien erlaubt sind. In Deutschland gibt es die „vertrauliche Geburt“, bei der die Daten der Mutter gesammelt und versiegelt werden, damit das Kind später Informationen über seine Herkunft bekommt. Soziale oder kulturelle Zwänge können eine Rolle spielen. Gewalt, Drogenabhängigkeit oder Prostitution können die Entscheidung forcieren. Auch Armut oder Obdachlosigkeit sind manchmal der Grund. „Es wäre wunderbar, wenn Müttern eines Tages noch besser geholfen werden könnte“, sagt Fabiola Bologna vom italienischen Ärztinnenverband. „Unser Ziel ist es, dass Frauen sich nicht länger allein fühlen.“
Um eine leichtfertige Entscheidung handelt es sich dabei kaum. Das letzte Mal wurde vor drei Jahren ein Neugeborenes in die Babyklappe von Bergamo gelegt, auch damals lag ein Zettel dabei. „Ich vertraue euch einen wichtigen Teil meines Lebens an, den ich ganz sicher nie vergessen werde“, stand darauf geschrieben. 64 Babyklappen gibt es derzeit in Italien. In Deutschland sind es derzeit 80–100 Babyklappen.JULIUS MÜLLER-MEININGEN