Vespa-Entwickler Corradino D‘Ascanio.
Die älteste Vespa der Welt wurde 2017 für 300.000 Euro versteigert. © catawiki
Machte die Vespa weltbekannt: Der Kinofilm „Ein Herz und eine Krone“ mit Gregory Peck und Audrey Hephurn, hier mit Kameramann. © via www.imago-images.de
Das Geräusch beginnt in der Ferne. Das Summen kommt näher, verstärkt sich zu einem Knattern. Die Gangschaltung greift ein. Das Geräusch beginnt von neuem, eine Motorenoktave tiefer, um sogleich wieder anzusteigen. Erster, zweiter, dritter Gang. Jetzt prescht das schmale Zweirad, eine Vespa vorbei. Es ist – es war – der Sound Italiens. Zweitakter, verbleibe, du warst so schön!
Ein flotter Mensch sitzt auf dem Sattel. Mit Sonnenbrille vielleicht und wallendem Haar, als es in Italien vor dem Jahr 2000 noch keine allgemeine Helmpflicht gab. „Ciao bello!“ Aus dem Auspuff dringt eine übel riechende weißgraue Wolke, die noch eine ganze Weile den Geruch des Moments verdichtet. Es ist die Note des italienischen Großstadtverkehrs im 20. Jahrhundert, gesundheitsschädigend, aber einzigartig. Wie klingt dieses Motorensummen? Nach Insekt natürlich, nach einer Wespe.
Die Vespa (italienisch für Wespe) wird an diesem Donnerstag 80 Jahre alt. Sie hat Generationen von Italienern und Motorliebhabern aus der ganzen Welt begleitet und begeistert. Sie steht für Italien, für Stil und Freiheit. Hollywood hat ihr in Filmen wie „Ein Herz und eine Krone“ (1953) mit Gregory Peck und Audrey Hepburn unvergessliche Denkmäler gesetzt. Popsänger haben ihr musikalische Monumente errichtet. Lunapop sangen 1999 über das Modell „50 Special“: „Wie wunderbar ist es, mit Flügeln unter den Füßen herumzufahren! Eine Vespa Special nimmt dir alle Sorgen!“
Am 23. April 1946 hatte die toskanische Firma Piaggio in Florenz das Patent Nummer 25546 für ein „modello di utilità“, ein Gebrauchsmuster angemeldet. Es handelte sich um eine neuartige Anordnung von Karosserie, Schutzblechen, Rahmen und Motorteilen. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Diktaturen in Deutschland und Italien war gerade zu Ende gegangen. Zwei Monate später sollten die Italiener abstimmen zwischen Monarchie und Republik. Während Europa sich neu ordnete, kümmerte sich der Luftfahrtingenieur Corradino D‘Ascanio aus den Abruzzen um die Entwicklung eines praktischen Motorrollers.
Die Legende will, dass D‘Ascanio Motorräder für unbequem und unpraktisch hielt. Man machte sich die Hosen schmutzig, verbrannte sich die Beine am Auspuff. Antriebsketten waren in der Nachkriegszeit schwer zu bekommen, D‘Ascanio montierte das Hinterrad direkt an den Motorblock, den er unter einer Blechhaube verschwinden ließ. Wie wunderbar wehten die Röcke schon auf der ersten Vespa im Fahrtwind! Ein Beifahrer hatte bequem Platz. Pannen? Kein Problem. Das Rad war nur von einer Seite befestigt und lässt sich auch von Amateuren wechseln. „Klingt wie eine Wespe!“, soll Firmenchef Enrico Piaggio ausgerufen haben.
Eine Ikone war geboren – und sie war erschwinglich. 55.000 Lire kostete das Urmodell, zahlbar in Raten, das entspricht heute etwa 1300 Euro. Das war nach dem Weltkrieg viel Geld, aber vielen war es das wert. Bis zu acht Monate mussten die Kunden auf ihre Vespa warten. Bereits die ersten Vespamodelle waren so erfolgreich, dass sie sogar in der UdSSR kopiert wurden. Als es die Worte noch gar nicht gab, stand der Roller schon für „Lifestyle“ und „Dolce Vita“. Im gleichnamigen Film von Federico Fellini (1960) ließ der Regisseur die rasenden Fotoreporter, sogenannte Paparazzi, auf Vespas herumrasen. Eines der großen Vespa-Erfolgsmodelle war die 150 GS aus den 1950er-Jahren. Sie galt als schönster Motorroller weltweit und ist heute ein begehrtes Sammlerobjekt. Die Vespa wurde zum Symbol derjenigen, die sich in Szene setzen wollten. Die Massenmotorisierung Italiens begann.
Ende Juni kommt es in Rom zum großen Geburtstagstreffen. Zehntausende Vespa-Fahrer aus der ganzen Welt werden erwartet.J. MÜLLER-MEININGEN