Junge Menschen reden mit KI über Probleme

von Redaktion

Leipzig – Chatbots als Gesprächspartner für seelische Probleme: Für viele junge Menschen ist das längst Alltag. Rund zwei Drittel (65 Prozent) der 16- bis 39-Jährigen haben schon einmal mit Künstlicher Intelligenz über psychische Belastungen gesprochen. Das zeigt eine neue repräsentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention in Leipzig.

Dabei gehe es häufig um allgemeine Probleme wie Stress, Trauer oder Liebeskummer – nicht zwingend um eine diagnostizierte Depression. Noch höher ist der Anteil unter Befragten, die angaben, sich aktuell in einer depressiven Phase zu befinden (76 Prozent). Am häufigsten nutzen die Befragten dabei bekannte Systeme wie ChatGPT (77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent) und Microsoft Copilot (4 Prozent).

Gleichzeitig zeigt die Studie: Auch bei ernsthaften Erkrankungen spielt KI bereits eine Rolle. Mehr als ein Drittel der Befragten mit diagnostizierter Depression (35 Prozent) hat demnach in jüngerer Zeit mit Chatbots über die eigene Erkrankung gesprochen. Häufig geht es dabei darum, einfach über Probleme zu sprechen oder sich Zuspruch zu holen. Mehr als die Hälfte nennt als Grund, überhaupt jemanden zum Reden zu haben (56 Prozent). 46 Prozent hoffen, die Erkrankung selbst besser in den Griff zu bekommen, 40 Prozent informieren sich über Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.

Der Reiz, KI-Chatbots zu nutzen, liegt vor allem in ihrer einfachen Verfügbarkeit: Sie sind anonym, jederzeit erreichbar und ohne Wartezeit nutzbar. Für viele sind sie deshalb eine erste Anlaufstelle, wenn es um persönliche Probleme geht. Ein Großteil der Nutzer beschreibt die Gespräche als hilfreich und unterstützend. Gleichzeitig berichten viele, dass sie sich verstanden fühlen oder sich leichter öffnen können. Rund drei Viertel der Nutzer (75 Prozent) haben nach eigenen Angaben innerhalb der vergangenen 30 Tage mit einem Chatbot über ihre Probleme gesprochen.

Ein Teil nutzt die Programme dabei intensiver: Rund ein Viertel (26 Prozent) führt längere Gespräche oder spricht mit der KI ähnlich wie mit einem persönlichen Gegenüber.

Fachleute sehen in der Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. „Die Art, über psychische Probleme zu kommunizieren, hat sich bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren deutlich in die digitalen Räume verlagert“, sagt der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner Charité.

Solche Systeme könnten helfen, Versorgungslücken zu überbrücken. „KI-basierte Systeme – evidenzbasiert, menschlich geleitet und gezielt eingesetzt – haben das große Potenzial, Barrieren abzubauen, Wartezeiten zu verkürzen und mehr Prävention zu ermöglichen“, so Bajbouj.

Gleichzeitig warnt er vor Fehlentwicklungen: „Umgekehrt bergen KI Systeme die Gefahr der Scheinbehandlungen: anstatt professionelle Hilfe zu suchen, bleiben Menschen in Systemen gefangen, die entweder wirkungslos oder sogar schädlich sind.“

Besonders kritisch sehen Experten, dass manche Nutzer KI als Alternative zu einer Behandlung wahrnehmen. „KI kann keine Therapie ersetzen“, sagt Bajbouj. Auch wenn viele Befragte das glaubten.

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