Ein Jahr im Zeichen des Friedens

von Redaktion

Papst Leo XIV. hat sich im ersten Jahr im Amt als moralische Instanz profiliert

Nach den jüngsten Attacken durch US-Präsident Donald Trump hat Papst Leo XIV. den amerikanischen Außenminister Marco Rubio empfangen. © Vatikan Media/AFP

Rom – Es war eine große Überraschung, als Kardinal Robert Francis Prevost am frühen Abend des 8. Mai 2025 als neuer Papst auf die Mittelloggia des Petersdoms trat. „Der Friede sei mit euch allen!“, lauteten die ersten Worte Leo XIV. Dieser Satz sollte zum apostolischen Programm im ersten Amtsjahr werden. Dass der Papst zu Frieden mahnt, ist eigentlich nichts Besonderes. Unter den Umständen, unter denen der US-Amerikaner sein Amt angetreten hat, ragt diese Botschaft jedoch heraus.

Prevost kam vor 70 Jahren in Chicago zur Welt, er ist der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri. Gewählt wurde er aber insbesondere wegen seiner Erfahrung als Bischof in Peru, als Leiter des Augustinerordens sowie als Kenner der Kurie, in der er zuletzt als Chef der Bischofsbehörde arbeitete. Prevosts vermittelnde, auf Dialog bauende Art, hatte die Kardinäle im Konklave überzeugt, dass er der richtige Nachfolger für den kurz nach Ostern verstorbenen Franziskus sei.

Nun sitzt im Weißen Haus ein US-Präsident, der die Welt mit Kriegen und Verbalattacken in Atem hält und den Papst kontinuierlich auf die Probe stellt. Als US-Amerikaner wird Prevosts Stimme in den USA mit besonderer Aufmerksamkeit gehört, nicht zuletzt von der Politik. Gestern war US-Außenminister Marc Rubio im Vatikan. Schadensbegrenzung? Er habe nach Angaben eines Ministeriumsvertreters „freundliche und konstruktive Gespräche“ mit Papst Leo XIV. geführt. Das Treffen habe die „starken Beziehungen“ zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vatikan deutlich gemacht, sagte ein Sprecher Rubios.

Kurz vor dem Besuch warTrump erneut ausgerastet, als er in einem Interview auf den Papst angesprochen wurde. Leo XIV. fände es „in Ordnung, dass der Iran Atomwaffen besitzt“, fabulierte der US-Präsident am Dienstag. Der Papst gefährde mit dieser Haltung „viele Katholiken und viele andere Menschen“.

Die Angriffe kommen gut drei Wochen, nachdem Trump den Papst als „schwach im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Außenpolitik“ titulierte und Leo aufforderte, er solle sich „zusammenreißen“. Damals entgegnete Prevost, er fürchte „weder die Trump-Regierung noch die Verkündigung der Botschaft des Evangeliums“. „Wenn mich jemand dafür kritisieren will, dass ich das Evangelium verkünde, dann möge er es mit der Wahrheit tun“, entgegnete Leo.

Der Papst agiert auf einer anderen Ebene als der US-Präsident, auch wenn Trump erneut versucht, Leo zu erniedrigen. Es gelingt ihm nicht. Die Kirche spreche sich seit jeher gegen Atomwaffen aus, erklärte der Papst klar, aber gelassen. Gekonnt lässt Leo XIV. die beleidigten Allmachtsfantasien des US-Präsidenten abprallen. Prevost hat sich als moralischer Gegenspieler des Hasardeurs Trump etabliert. „Selig sind die Friedensstifter!“, lautet sein Credo. Wenn „Barmherzigkeit“ das Schlagwort von Franziskus war, ist „Frieden“ der Leitspruch Leos.

Man kann den Papst aber nicht auf diesen Aspekt reduzieren. In wenigen Tagen wird die Veröffentlichung seiner ersten Enzyklika erwartet. Darin soll es um die Gefahren der Künstlichen Intelligenz, die Krise des Völkerrechts und soziale Fragen der Gegenwart gehen. Leo XIV. sieht sich dabei in der Tradition seines Namensvorgängers Leo XIII., der 1891 die erste Sozialenzyklika (Rerum novarum) veröffentlichte.

Papst Leos Interesse für soziale Fragen bedeutet eine inhaltliche Kontinuität mit seinem Vorgänger Franziskus. Bereits als Ordensoberer der Augustiner (2001–2013) sprach sich Prevost gegen eine „in sich selbst gekehrte Kirche“, für „radikale Armut“ der Institution und gegen die „Konsum-Mentalität der Gesellschaft“ aus. Synodalität und Inklusion verbindet Leo XIV. mit Franziskus, beim Thema Migration steht Prevost auf der Seite der Schwachen. Während Franziskus Kraftausdrücke benutzte, äußert sich Leo XIV. seinem Naturell gemäß behutsam. Diese Haltung bestimmt teilweise auch seinen innerkirchlichen Kurs. Der Papst aus den USA ist um Ausgleich der verfeindeten Lager von Reformern und Traditionalisten in der Kirche bemüht. Den von Franziskus begonnenen Öffnungen, etwa im Hinblick auf ritualisierte Segnungen homosexueller Paare, steht Leo hingegen skeptisch gegenüber. Dabei kam es unlängst zu Turbulenzen mit dem Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, der in seinem Erzbistum die umstrittenen Segnungsfeiern in einem Schreiben an Seelsorger befürwortet hatte. Marx wurde gestern ebenfalls von Leo empfangen. Ob es bei dem gestrigen Treffen um das Thema ging, wurde nicht mitgeteilt.JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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