Die Rückkehr des Analogen: Die Musikkassette ist bei Jugendlichen wieder angesagt. © Simon/IMAGO. Agostini/dpa
Sängerin Olivia Rodrigo verkauft viele Kassetten.
London – Während Millionen Menschen heute jeden Song der Welt per Smartphone abrufen können, bezahlen andere wieder Geld für ein Medium, das man erst umdrehen muss, das rauscht und gelegentlich Bandsalat produziert. Gerade das scheint für viele den Reiz auszumachen.
Laut Daten der Official Charts Company wurden in Großbritannien 2023 rund 136.000 Kassetten verkauft. In den USA stiegen die Verkaufszahlen zuletzt um 200 Prozent. Am meisten verkaufte die Gen-Z-Popprinzessin Olivia Rodrigo mit ihrem Album „GUTS“ – 8500 Exemplare allein auf Kassette. Noch größer ist der US-Markt: Dort wurden zuletzt 430.000 Kassetten pro Jahr abgesetzt, fünfmal mehr als noch 2013. Der Mediendesign-Professor Holger Lund von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg bestätigt gegenüber dem epd: „Musikkassetten kommen wieder in Mode.“ Die Kassette stehe nicht etwa vor einem Revival, so Lund: „Das hat begonnen und nimmt zu.“
Großen Anteil an der Rückkehr des Formats haben Popstars, die Kassetten als Marketinginstrument für sich entdeckt haben. Taylor Swift, Harry Styles, Billie Eilish, Charli XCX, Lady Gaga und The Weeknd haben ihre Alben in den vergangenen Jahren auch auf Kassette veröffentlicht. Swifts Album „1989“ war 2023 mit 17.500 verkauften Exemplaren die meistverkaufte Kassette in den USA. Für die großen Plattenfirmen kann die Wiederbelebung des Formats also durchaus lukrativ sein.
Doch nicht nur Mainstream-Acts profitieren. Auch Independent-Künstler haben das Potenzial von Tapes erkannt. Das Album „Flygod“ des amerikanischen Rappers Westside Gunn aus dem Jahr 2017 wurde kürzlich auf der Handelsplattform Discogs für rund 440 Euro verkauft. Die kleinen Auflagen machen Kassetten-Releases zu exklusiven Sammlerstücken. DJ Chong Wizard, Plattenlabel-Besitzer aus Vancouver, bringt es auf den Punkt: „Sie wollen einfach ihre Lieblingskünstler unterstützen und ein Stück Geschichte besitzen. Es ist mehr als ein Produkt. Mit Kassetten verkauft man ein Stück Nostalgie.“ Manche Fans, so Wizard, besäßen nicht einmal ein Abspielgerät für ihre neu erworbenen Kassetten.
Michael Noack, Fachanleiter Medien bei der Berliner Organisation Spektrum Netzwerk, die Kassetten für Menschen mit Behinderung digitalisiert, vergleicht gut gemachte Mixtapes aus dieser Ära sogar mit Kunst: „Ein gut aufgenommenes Mixtape ist aus heutiger Sicht ein kleines Kunstwerk.“ Wer sein eigenes Musikprogramm zusammenstelle und auf Band überspiele, besitze am Ende ein Unikat. „Das Ergebnis ist durch den schwierigen Prozess viel emotionaler, als wenn man ein paar Dateien zusammenklickt.“ Noack berichtet, dass in seinem Betrieb im Schnitt alle zwei Monate ein Digitalisierungsauftrag eingehe – meist alte Mixtapes oder Live-Mitschnitte, die sich nicht mehr abspielen lassen.
1963 brachte das niederländische Unternehmen Philips die erste Audiokassette auf den Markt. Anfangs rauschten die Geräte stark, erst die Einführung der Dolby-B-Rauschunterdrückung 1968 verbesserte die Klangqualität erheblich. In den 1980er-Jahren wurden erstmals mehr Kassetten als Schallplatten verkauft – begünstigt durch den Walkman und die Möglichkeit, auf jeder Seite rund 45 Minuten Musik zu speichern. Anfang der 2000er-Jahre schließlich war die Kassette nahezu verschwunden.
Die Haltbarkeit des Magnetbands beträgt übrigens nur etwa 10 bis 30 Jahre. Wer seine alten Tapes also noch retten will, sollte sich beeilen – bevor der nächste Bandsalat das letzte Wort hat.CJM/EPD