Tim Himmes und Schwester Emily: Sie hatten in der Flut fast alles verloren. © Roessler/dpa
Schuld/Insul/Altenkirchen/Rech – Wenn es an der Ahr stark regnet, klingelt bei Tim Himmes regelmäßig das Handy. „Meine Schwestern rufen mich auch nachts an, wenn das Wasser steigt“, berichtet der 26-Jährige rund fünf Jahre nach der tödlichen Flut im Ahrtal. Der Schausteller ist viel unterwegs und lebt mit den jungen Frauen und deren Kindern nur wenige Meter von der Ahr entfernt.
Ihr Elternhaus in dem Dorf Schuld im Norden von Rheinland-Pfalz, das bei der Flutkatastrophe in großen Teilen verwüstet wurde, haben sie wieder aufgebaut und Ersatz für die zerstörten Fahrgeschäfte und die Losbude gefunden. Die schlammigen und stinkenden Wassermassen hatten im Sommer 2021 nicht nur Haus und Hof der Familie überschwemmt, sondern auch Autos und Fahrgeschäfte mit sich gerissen. „Seit ungefähr einem halben Jahr haben wir jetzt auch wieder eine Straße vorm Haus“, sagt Himmes.
Straßen und Häuser: Vieles an der Ahr ist wieder aufgebaut, manches schöner als vorher. Anderes fehlt noch oder ist Provisorium. Und einiges sieht immer noch so aus, als ob die verheerende Flut erst gestern gewesen wäre.
„Wenn ich dauernd daran denken würde, wäre ich nicht hier“, sagt Gastronom und Hotelier Wolfgang Ewerts aus der Ortsgemeinde Insul. Klar sei aber auch: „Es gibt eine Zeitrechnung vor und nach der Flut.“
In dem Dorf ist nicht mehr viel von den drastischen Schäden zu sehen, die Stammgäste, darunter Wanderer und Radfahrer, sind längst zurück, auch wenn der gesamte Radweg noch immer nicht ganz fertig ist. „Ohne die vielen freiwilligen Helfer hätten wir das nie geschafft“, erinnert Ewerts.
Und trotzdem sind längst nicht alle Orte so weit wie Insul. Im Weinort Mayschoß etwa wird noch kräftig gearbeitet, auch in Altenahr. „Wie lange so was dauert, was in sechs Stunden kaputtgegangen ist – irre“, sagt der 58 Jahre alte Ewerts, der sein Wohnhaus und seinen Betrieb wieder aufbauen musste und immer weiter investiert hat. Sein ausgebautes Hotel sei schöner als vorher. Mancher Gast frage ihn sogar: „Waren Sie überhaupt betroffen?“ Die Erinnerungen an die öligen Wassermassen kommen aber auch bei Ewerts immer wieder. Beim Aufladen der elektrischen Teelichter in seinem Restaurant etwa sagt er: „Die sind hier leuchtend im Wasser rumgeschwommen.“
Am Jahrestag wird vielerorts an der Ahr an die Flutkatastrophe erinnert, manche Bewohner kehren dem Tal zu der Zeit aber auch bewusst den Rücken, wollen Ruhe statt gemeinsames Gedenken. „Ich weiß, wie die Nacht war, und ich kann überall für meine Mutter eine Kerze anzünden“, sagt eine 70-Jährige, die vom 14. auf den 15. Juli 2021 viele Stunden in Todesangst auf dem Dach ihres später abgerissenen Hauses verbracht hat. Ihre Mutter starb.