Kerzen erinnern am Bahnhof an den Zugbegleiter.
Eray Çalar zeigt auf seinem Handy ein Foto seines getöteten Bruders Serkan Çalar. Das Selfie zeigt den Zugbegleiter am Morgen seines Todes. © Roessler/dpa (2)
Zweibrücken – Sein Tod schockierte im Winter dieses Jahres ganz Deutschland. Die Familie des in Rheinland-Pfalz getöteten Zugbegleiters Serkan Çalar wünscht sich von dem heute in Zweibrücken beginnenden Prozess auch eine Signalwirkung für mehr Sicherheit im Bahnverkehr. Man hoffe auf Gerechtigkeit, sagte Eray Çalar.
„Aber wir wollen Gerechtigkeit nicht nur für meinen Bruder, sondern für alle. Auch für jeden Kollegen meines Bruders. Kein Zugbegleiter in Deutschland sollte denken: Bin ich der Nächste? Nein – wir gehen ins Landgericht nicht nur, weil er unser Bruder war, sondern weil er ein Mensch war.“
Vor dem Landgericht Zweibrücken muss sich ab heute ein 26 Jahre alter Angeklagter verantworten. Er hatte keine Fahrkarte und soll den Zugbegleiter am 2. Februar in einem Regionalexpress mit Faustschlägen attackiert haben. Der 36 Jahre alte Serkan Çalar starb an einer Hirnblutung. Der Fall löste bundesweit eine Debatte über Sicherheit im Bahnverkehr aus. Der Vorwurf gegen den Griechen lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge.
In der Presse sei Serkan Çalar meist „ein Zugbegleiter“, sagte Eray Çalar. „Aber er war mehr als nur diese Berufsbezeichnung. Er war ein sehr besonderer Mensch. Einer, den man nicht hassen konnte. Serkan war das Herz unserer Familie und hinterlässt eine sehr große Lücke. Er hinterlässt einen Schmerz, den man nie mehr heilen kann.“
Die beiden Söhne des Alleinerziehenden, zehn und zwölf Jahre alt, könnten den Verlust ihres Vaters immer noch nicht ganz realisieren. „Aber sie wissen, dass der Vater weg ist“, schilderte Eray Çalar. „Und das tut ihnen unheimlich weh, auch wenn sie es nicht merken lassen wollen. Aber ihre Augen zeigen nicht mehr das Lachen von früher.“
Serkan Çalar sei als Zugbegleiter mehrfach attackiert worden. „Er wurde beleidigt und bespuckt“, sagte Eray Çalar. „Aber es war sein Traumjob, obwohl er manchmal Angst hatte. Man kann aber nicht von heute auf morgen alles hinschmeißen, wenn man für zwei Kinder sorgen muss.“
Die Welle der Solidarität nach der Tat sei wohltuend gewesen. „Den Zusammenhalt von Menschen zu sehen, war auf jeden Fall etwas Schönes. Aber man hätte ihn sich schon im Zug gewünscht. Wenn Passagiere eingegriffen hätten, wäre mein Bruder vielleicht noch hier“, meinte Eray Çalar.
Enttäuscht sei die Familie, dass das Landgericht die Tat im Unterschied zur Staatsanwaltschaft nicht als Mord einstufe. „Mehrere kräftige Faustschläge gegen den Kopf und gegen die Schläfen“, betonte Eray Çalar. „Was unserem Bruder angetan wurde, ist mehr als Körperverletzung mit Todesfolge.“
Das ist die Frage, ob das auch so bleibt. Im Prozess wird es auch darum gehen, ob es bei dem Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge bleibt. Wenn sich doch Hinweise auf einen Tötungsvorsatz ergeben, könne das Gericht einen entsprechenden rechtlichen Hinweis erteilen, hieß es. Bei einer Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge kommt eine Freiheitsstrafe von 3 bis 15 Jahren in Betracht.
Insgesamt sind am Landgericht Zweibrücken derzeit acht Verhandlungstage geplant. Mit einem Urteil wäre dann am 9. Juli zu rechnen. Zum Prozessauftakt wird mit einem großen Medien- und Zuschauerandrang gerechnet.