Dieses 18 Tage alte Baby wurde aus den Trümmern gerettet. Auch seine Mutter überlebte. © Ugc/AFP
Caracas – Zwischen all den Schreckensmeldungen gibt es immer wieder Momente, die Hoffnung machen. Mehr als drei Tage nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela gelang Rettungskräften in Caraballeda ein kleines Wunder: Sie zogen einen elfjährigen Jungen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes. Mehr als 72 Stunden hatte er verschüttet überlebt – ein Zeitraum, nach dem die Chancen, noch Lebende zu finden, normalerweise dramatisch sinken. Spanischsprachige Medien berichten, dass der Junge Moisés heißt und mit einem gebrochenen Arm gerettet wurde. Seine Mutter und seine Schwester kamen demnach ums Leben. „In diesem Moment ist jedes Leben eine Quelle der Hoffnung für Venezuela“, schrieb Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez nach seiner Rettung auf X.
Der Junge ist nicht der Einzige, dessen Rettung Angehörigen und Helfern neuen Mut macht. Bereits kurz nach der Katastrophe konnte ein erst 18 Tage altes Baby nach rund 32 Stunden lebend geborgen werden. Auch die Mutter überlebte. Die Bilder, auf denen Einsatzkräfte den Säugling vorsichtig aus den Trümmern tragen, gingen um die Welt.
Rettungsmannschaften suchen weiter in den Trümmern eingestürzter Gebäude nach Überlebenden. Der Präsident der venezolanischen Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, bezifferte die Zahl der Toten am Sonntag auf inzwischen 1450, weitere 3238 Menschen wurden seinen Angaben zufolge verletzt.
Viele Menschen versuchten, mit bloßen Händen die Trümmer zur Seite zu räumen – in der Hoffnung, noch Verschüttete bergen zu können. „Es ist alles einfach nur sehr chaotisch, heiß und unorganisiert“, sagte der australische Feuerwehrmann Craig Demeillon, der auf eigene Faust aus den USA nach La Guaira gekommen war, um zu helfen. „Hoffentlich gibt es noch Menschen, die wir finden können.“
Auch Helfer aus Deutschland haben am Sonntag die Arbeit aufgenommen: Ein Team des Technischen Hilfswerks arbeitet an einer Einsatzstelle in Carabelleda, an der ein Überlebender vermutet wird. Das 48-köpfige Team war am Samstag in der Hauptstadt Caracas angekommen.
In der Bevölkerung wuchs derweil der Zorn auf die Regierung. Yessica Mendoza musste den Leichnam ihrer Tochter eigenhändig in eine Leichenhalle in Caracas bringen, nachdem diese mit ihrem Mann in den Trümmern ihres Hauses in La Guaira ums Leben gekommen war. „Wir waren es, die sie rausgezogen haben. Es gab überhaupt keine Hilfe“, sagte die 43-Jährige.
Das Doppelbeben hatte sich am Mittwochabend im Abstand von nur 39 Sekunden westlich von Caracas ereignet. Die beiden Erdstöße hatten eine Stärke von 7,2 und 7,5, es wurden dutzende Nachbeben registriert. Der Chef des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten (Ocha), Tom Fletcher, sagte der Nachrichtenagentur AFP am Freitag in Genf, es würden noch mehr als 50.000 Menschen vermisst. Eine UN-Schätzung bezifferte den Sachschaden auf 6,7 Milliarden US-Dollar (knapp 5,9 Milliarden Euro), was etwa sechs Prozent von Venezuelas Bruttoinlandsprodukt entspricht.
Bis zu 6,7 Millionen Menschen könnten Berechnungen der UN-Organisation für Migration (IOM) zufolge von der Erdbebenkatastrophe betroffen sein. Laut Parlamentspräsident Rodríguez entsandten inzwischen 21 Länder Such- und Rettungsteams. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte: „Europa steht in dieser Stunde der Not an der Seite Venezuelas.“