Stade: Schüsse im Mutter-Kind-Heim – Sechs Tote

von Redaktion

Die Spurensicherung betritt am Nachmittag das abgeriegelte Jugendzentrum in Stade. © Ibrahim Ot/AFP

Einsatzkräfte und Spurensicherung stehen auf einer Straße in Stade unweit des Tatorts. © Höfig/dpa

Stade – Laute Schreie dringen aus einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade. „Ich hab’ Schüsse gehört“, erzählt Zeuge Vitali Martens dem „Stader Tageblatt“. Im Ort sieht er überall Polizisten. Wenig später die traurige Erkenntnis: Sechs Erwachsene sind tot, darunter vier Frauen, mehrere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Was genau gegen 12.10 Uhr in den Räumen der Einrichtung mit Mutter-Kind-Wohngruppen westlich von Hamburg geschah, werden die Ermittler nach und nach rekonstruieren. Von einer „erweiterten Familientragödie“ spricht die Polizei am Abend. Es gehe „nicht in Richtung Femizid oder politischer Hintergrund“, sagt ein Polizeisprecher.

Der Täter ist wohl gefasst, ein 45-Jähriger aus Hannover, geboren in Deutschland, mit türkischen Wurzeln. Ein Zeuge schildert „Focus Online“ die Szenen der Festnahme: Eine Frau und ein Mann hätten versucht, vom Tatort wegzufahren. Ein Polizist habe gebrüllt: „Anhalten, stehen bleiben“, berichtet der Mann. Das Auto sei weitergefahren. Mehrere Beamte eröffneten das Feuer. Rund fünfzehn Schüsse seien gefallen, schätzt der Zeuge. Fotos zeigen einen silbernen Mercedes mit plattgeschossenen Reifen auf einer Bundesstraße mehrere Kilometer entfernt; auch ein Video gibt es, wie die Polizisten mit gezückten Waffen die Türen aufreißen. Die Rolle der Fahrerin ist noch unklar, zudem wird eine weitere Frau noch vernommen. Beide Frauen kannten den 45-Jährigen näher.

Die ersten Einsatzkräfte sind schnell vor Ort, eine Wache ist gleich in der Nähe. Die Polizeipräsidentin berichtet von einem „grausamen Bild“, das sich den Beamten im Raum bietet: mehrere Tote und Schwerverletzte. Im Ort ist aber stundenlang nicht klar, was passiert ist. Durch sein geöffnetes Fenster habe er den Polizeifunk aufgeschnappt, berichtet ein Passant. Er habe nur Fetzen gehört wie „Brustschuss“ und „Kopfschuss“. Worte, die er nicht einordnen könne. Dann hätten Einsatzkräfte eine Person auf einer Trage aus dem Haus gehoben – und versucht, sie zu reanimieren. Die Polizei bestätigt, eine weitere Person sei vor dem Haus reanimiert worden, ohne Erfolg.

Doch warum griff der Täter zur Waffe? Das Motiv liegt wohl in einer Familientragödie, ein Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter. Die Getöteten – vier Frauen, zwei Männer – sind Mitarbeiter des Mutter-Kind-Zentrum oder des Jugendamts Hannover. Das Kleinkind und die Mutter waren während der Tat im Gebäude, sie wohnten dort, beide blieben unverletzt. Die Behörden haben das Kind in Obhut genommen. Der Täter, der keine Waffenerlaubnis hatte, war polizeibekannt – wegen Bedrohung. Als „absolut gewaltbereit“ habe man ihn bisher nicht eingestuft, sagen Ermittler.

Polizei und Rettungskräfte sind den ganzen Tag über mit einem Großaufgebot vor Ort. Eine dreistellige Zahl an Helfern sei im Einsatz. Kriminaltechniker sichern Spuren, Absperrbänder riegeln den Tatort ab, Einsatzfahrzeuge verstellen die Straßen. Die Behörden fordern die Anwohner zwischenzeitlich auf, den Bereich weiträumig zu meiden.

Als die Schüsse fallen, ist auch in der Stadtverwaltung der Schrecken groß. Eine Kindertagesstätte und eine Grundschule liegen nah am Tatort. Die Kinder und die Mitarbeiter seien aber nicht in Gefahr gewesen, sagt ein Stadtsprecher. Stade hat knapp 48.700 Einwohner und gehört zur Metropolregion Hamburg.C. DEUTSCHLÄNDER/M. UHRICH

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