Alarmstufe Rot am Gardasee

von Redaktion

Dauerhitze: Der Lago könnte täglich bis zu 7,4 Milliarden Liter Wasser verlieren

Im Sommer 2023 hatte der Gardasee seinen tiefsten Wasserstand. © Bruno/dpa

Sirmione – Es ist heiß in Norditalien, sehr heiß. In Peschiera del Garda hat es dieser Tage rund 32 Grad Celsius. Ab Montag sollen die Temperaturen noch einmal ansteigen. Angesichts der Hitzewelle wächst die Sorge um den liebsten Urlaubssee deutscher Touristen in Italien, den Gardasee. „Rekordhitze, der Gardasee auf historischem Tiefstand“, warnte die Zeitung „L‘Arena“ aus Verona vor einigen Tagen.

Die Bilder vom Frühjahr 2023 sind noch in guter Erinnerung. Damals war der Wasserstand am Gardasee tatsächlich auf einem historischen Tiefstand. Bei Manerba del Garda konnte man zu Fuß auf die Isola dei Conigli laufen, ein seltenes Vergnügen. Schon einmal vorweg: So schlimm ist die Lage dieser Tage nicht. Im Frühjahr hat es soviel geregnet, dass der größte See Italiens sehr gut gefüllt war. Außerdem hat der Gardasee mit bis zu 364 Metern Tiefe besonders große Wasservorräte.

Nun aber fordert die Hitze ihren Tribut. Ein Mix aus Verdunstung und Wasserbedarf der Landwirtschaft setzt dem Gardasee zu. Die Beobachtungsstelle für die Wassernutzung am Fluss Po (ADBPO) hat die Wasserknappheit im Gardasee auf „mittel“ eingestuft. „L‘Arena“ schreibt von einem „Alarmsignal“. Denn während der Hitzewelle sinkt der Pegel des Sees nahezu täglich.

Am 11. Juni maßen die Techniker noch einen Pegelstand von 109 Zentimetern über dem hydrometrischen Nullpunkt bei Peschiera. Am 2. Juli lag der Wert bei knapp 97 Zentimetern, das ist ein Rückgang um 12 Zentimeter in drei Wochen. Der Durchschnittswert für diese Jahreszeit liegt bei 102 Zentimetern. Der Füllungsgrad des Sees lag am 30. Juni bei rund 66 Prozent. Zum Vergleich: Im Trocken-Frühjahr von 2023 lag der Pegel bei 45 Zentimetern. Die Messdaten der Beobachtungsstelle zeigen einen weiterhin fallenden Wasserstand.

Nun sind heiße Temperaturen im italienischen Sommer keine Besonderheit. Etwas anderes sind länger anhaltende Höchsttemperaturen wie in diesen Tagen. Der Zufluss aus dem Fluss Sarca bei Torbole im Norden liegt laut ADBPO bei derzeit nur 50 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Der Abfluss in den Mincio bei Peschiera del Garda im Süden verzeichnet 75 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Damit fließt derzeit deutlich mehr Wasser aus dem See ab als über den wichtigsten Zufluss nachkommt. Ein wesentlicher Grund ist der hohe Wasserbedarf der Landwirtschaft in der Poebene.

Dazu kommt die Verdunstung angesichts der Hitzeperiode. Laut „L‘Arena“ können bei anhaltenden Höchsttemperaturen pro Tag bis zu zwei Zentimeter Wasser von der Oberfläche des Sees verdunsten. Hochgerechnet auf die Gesamtfläche des Gardasees von knapp 370 Quadratkilometern entspricht das einem Wasserverlust von rund 7,4 Millionen Kubikmetern, also 7,4 Milliarden Litern täglich. Dieser Wert gilt allerdings nur bei anhaltender extremer Hitze.

Die Zahlen in einem Dokument der Umweltschutzbehörde der Region Venetien Arpav zur „Wasserbilanz des Gardasees“ decken sich mit diesen Werten. Der Rückgang um 12 Zentimeter zwischen 11. Juni und 2. Juli legt aber ein weniger dramatisches Bild nahe. Im Durchschnitt wäre der Pegel des Gardasees in diesem Zeitraum nur um etwa einen halben Zentimeter zurückgegangen. Die Starkhitze-Periode begann erst Ende Juni.

Das Grundproblem aber bleibt bestehen: Die Landwirtschaft hat bei Hochtemperaturen großen Wasserbedarf. Sinkt der Pegel des Gardasees erheblich, kann das den Tourismus beeinträchtigen. 2025 wurden fast 28 Millionen Übernachtungen am See registriert, die Wertschöpfung des Gardasees in den Regionen Venetien, Lombardei und Trentino liegt bei rund vier Milliarden Euro. Der Gardasee ist jedoch weit mehr als ein Wasserspeicher für Landwirtschaft und Tourismus. Er ist ein empfindliches Ökosystem.

Das Fachblatt „Giornale tecnologico“ schreibt von einer „neuen Unberechenbarkeit der Seen“ und der Frage: „Wie lassen sich Landwirtschaft und Tourismus schützen, ohne das Ökosystem zu schädigen? Und wer entscheidet über die Prioritäten, wenn eine trockene Saison die verfügbare Wassermenge für alle verknappt?“ Die Frage sei nicht, ob der Gardasee verschwindet. Es gehe darum, eine „umkämpfte Ressource“ wie das Wasser gerecht zu verwalten.JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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