Dies ist das erste Foto, das jemals gemacht wurde, in retuschierter Fassung.
Das Mädchen mit den grünen Augen (1984). © McCurry
Ein Mann stellt sich im Juni 1989 am Platz des Himmlischen Friedens einem Konvoi von Panzern entgegen. © Widener/dpa
1968: Blick über die Mondoberfläche auf die Erde. © NASA
Eines der bekanntesten Bilder des Kalten Krieges: Die Flucht des Soldaten Conrad Schumanns 1961 in Berlin. © Leibing/dpa
Eines der berühmtesten Bilder der Welt: Die neunjährige Kim Phuc Phan Thi flieht 1972 nackt mit ihren Brüdern und Cousins vor einem Napalm-Angriff im Vietnamkrieg. © Nick Ut/dpa
Vor rund 200 Jahren entstand ein unscheinbares Bild aus einem Fenster in Frankreich, in einem kleinen Ort in Burgund. Keine Schlacht, kein König, kein historischer Moment. Nur Dächer, Licht und Schatten. Und doch begann mit diesem Blick eine Revolution: Zum ersten Mal konnte ein Augenblick mit einem technischen Verfahren bewahrt werden.
Das Bild stammt von Nicéphore Niépce. Der Franzose schuf Mitte der 1820er-Jahre, vermutlich 1826, die erste dauerhaft erhaltene Fotografie. Ein genaues Geburtsdatum der Fotografie gibt es nicht. Auf diese Anfänge beziehen sich die zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen, die 2026 in vielen Ländern stattfinden.
Seitdem sind Milliarden Fotografien entstanden. Heute trägt fast jeder Mensch eine Kamera in der Tasche und hält täglich Momente des eigenen Lebens fest. Doch aus dieser unüberschaubaren Bilderflut bleiben nur wenige Aufnahmen im kollektiven Gedächtnis.
Zu den bekanntesten Bildern der Fotogeschichte gehört die Aufnahme der neunjährigen Kim Phuc, die 1972 nach einem Napalm-Angriff auf ein Dorf in Südvietnam nackt und schreiend eine Straße entlangläuft. Die Urheberschaft des Fotos wird bis heute diskutiert. Unbestritten ist dagegen seine Wirkung: Es wurde zum Symbol des Vietnamkriegs – und steht bis heute für das Leid und die Verletzlichkeit von Zivilisten in bewaffneten Konflikten.
Warum gerade dieses Bild? Warum nicht eines der vielen anderen Fotos, die ebenfalls Leid und Zerstörung zeigten? Der französische Philosoph Roland Barthes beschrieb in seinem Buch „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ den besonderen Moment, in dem ein Bild den Betrachter unmittelbar trifft.
Doch ein Foto wird nicht allein durch seine Wirkung auf den Einzelnen zur Ikone. Es braucht auch eine Gesellschaft, die es auswählt, verbreitet und erinnert. Fotografien beeinflussen auch, welche Ereignisse und Erfahrungen eine Gesellschaft als wichtig wahrnimmt und im Gedächtnis bewahrt.
Ein fotografischer Moment veränderte den Blick auf die Erde selbst. Die Aufnahme „Earthrise“, die Astronauten der Apollo-8-Mission 1968 machten, zeigte die Erde erstmals aus der Perspektive einer Mondumrundung. Viele Historiker sehen darin eines der Bilder, die das Umweltbewusstsein der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre entscheidend geprägt haben.
Nicht nur Opfer, auch der Widerstand eines Einzelnen kann in einem Bild sichtbar werden. Die Aufnahme eines unbekannten Mannes, der sich am 5. Juni 1989 auf dem Tian’anmen-Platz in Peking einer Kolonne von Panzern entgegenstellte, wurde weltweit als „Tank Man“ bekannt. Die Identität des Mannes und sein weiteres Schicksal sind bis heute ungeklärt.
Manche Bilder bleiben im Gedächtnis, weil sie eine Gesellschaft vor eine schwierige Frage stellen: Was darf ein Foto zeigen? Dazu gehört die Aufnahme „The Falling Man“, die der Fotograf Richard Drew am 11. September 2001 in New York machte. Das Bild zeigt einen unbekannten Menschen, der aus einem der Türme des brennenden World Trade Center stürzt.
Das Foto wurde nach den Anschlägen nur selten gezeigt. Viele empfanden es als zu schmerzhaft, andere sahen darin ein wichtiges Dokument jener historischen Stunde. Bis heute gehört die Aufnahme zu den meistdiskutierten Fotografien des 11. September.
Nicht jedes wichtige Ereignis bringt ein ikonisches Bild hervor. Und nicht jedes ikonische Bild zeigt zwangsläufig das wichtigste Ereignis seiner Zeit. Welche Fotografien bleiben, hängt nicht nur vom Motiv ab, sondern auch davon, wie Medien, Museen und Gesellschaften mit ihnen umgehen. Doch in einer Zeit digitaler Bilderfluten und künstlich erzeugter Aufnahmen geht es nicht mehr nur darum, welche Bilder bleiben. Es geht auch darum, welchen Bildern wir heute noch vertrauen können.