Deutschland, Land der Aperol-Trinker

von Redaktion

Der knallorangene Spritz ist seit Jahren Trendgetränk – Bier wird immer unbeliebter

Venedig ist die Spritz-Hauptstadt. © Thonfeld/IMAGO

Besonders bei Frauen ist der Aperol Spritz seit vielen Jahren beliebt. Manche mögen ihn allerdings nur als Sommergetränk und nicht im Winter. © Dittrich/dpa

Berlin/Padua – Es gibt diese Momente, in denen Menschen ganz bei sich zu sein scheinen. Das gilt auch für Gruppen. Für das „ZDF Fernsehgarten“-Publikum etwa auf dem Mainzer Freigelände. Grund war ein orange-rotes Kultgetränk: Aperol Spritz. Mit Polonaisen feierten hunderte Fernsehgarten-Gäste zusammen mit Kiwi – der Moderatorin Andrea Kiewel – und dem Schweizer Schlagersänger Vincent Gross bei mehreren Gelegenheiten ein Lied über den bittersüßen Drink: „Ich trink’ heut, das ist kein Witz – Aperol, Aperol, Aperol Spritz.“

Der sommerliche Partysong wurde im Mai 2024 veröffentlicht. Die Aperol-Spritz-Welle rollt hierzulande natürlich schon viel länger als nur zwei Jahre. Eigentlich fast zwei Jahrzehnte. Der Spritz (oder auch Sprizz) stammt aus Italien. In der nordöstlichen Region Venetien war er jahrzehntelang ein populärer Aperitif am Abend.

Aperol – ein Likör aus Rhabarber, Blutorange, Gelbem Enzian, Chinarinde, Kräutern, Zucker und Farbstoff – wurde 1919 von zwei Brüdern in Padua erfunden. Er hatte seitdem eine bewegte Geschichte bis hin zum Verkauf an die Campari Group mit Sitz in Mailand.

Der Konzern setzte seit dem Zukauf im Jahr 2003 in seiner globalen Marketingstrategie vollends auf Spritz. Das Rezept: Weißwein oder Prosecco auf Eis, der farbgebende Aperol-Likör (von dem es inzwischen einige Imitate gibt und auch alkoholfreie Varianten), ein bisschen Soda, ein Stückchen Orangenschale.

Ab etwa 2006 brachten Deutsche diesen Drink mit aus dem Italien-Urlaub. Von München aus, der ja im Klischee eh „nördlichsten Stadt Italiens“, breitete sich der Aperölchen-Trend über die ganze Republik aus – bis ins hinterste Kaff. Der flächendeckende Durchbruch in Handel und Gastronomie erfolgte so etwa ab dem Jahr 2010.

Kulturgut mit eigenen Liedern – man denke etwa auch an den Song „Aperol im Glas“ von Lea und 01099 aus dem Jahr 2023 – wurde der Aperol Spritz dann gut ein Jahrzehnt später. Wer das Aperol-Lied von Vincent Gross einmal gehört hat, bekommt es nie mehr aus dem Kopf: „Kein’n Glühwein und kein’n Hugo und auch keinen Ouzo“. Hugo, was war denn das noch einmal? Das war vor zwölf Jahren noch der beliebteste Sommerdrink in Deutschland. Zumindest kam eine YouGov-Umfrage, bei der 25 Sommercocktails abgefragt wurden, zu diesem Ergebnis.

„Welches alkoholische Kaltgetränk trinken Sie an einem heißen Sommertag gerne?“, lautete die Frage 2014. Auf der Beliebtheitsskala landete daraufhin der Hugo ganz vorn – Prosecco, Holunderblüten-Sirup, Minze, Mineralwasser. Mit Abstand folgten Caipirinha, Piña Colada, Sex on the Beach, Gin Tonic, Mojito, Cuba Libre. Der Aperol Spritz erreichte damals nur Platz drei. Und wie ist das heute? Gut ein Drittel der Erwachsenen sagt im Sommer 2026, gerne Aperol Spritz zu trinken. Auffällig: Bei Frauen sind es sogar 37 Prozent, bei Männern nur 30 Prozent. 17 Prozent der Frauen sagen sogar, das Getränk „zu allen Jahreszeiten“ gerne zu konsumieren, 20 Prozent finden ihn „nur in warmen Jahreszeiten“ und nicht im Winter richtig gut. Und der Preisknüller: In München gibt es einen Aperol Spritz bei den Gebrüdern Keller & Erben in der Klenzstraße für 3,80 Euro!

Marketing-Strategen der Campari Group haben herausgefunden, dass viele Fans des Drinks vom Bier, das in Deutschland immer unbeliebter wird (wenn auch auf hohem Niveau), zum Aperol Spritz hinübergleiten. Der Drink hat einen echten Buzz, der nicht enden zu wollen scheint, als Getränk zu vielen Gelegenheiten.GREGOR THOLL

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