Zu viel Kontakt mit der KI kann Einsamkeit sogar weiter verstärken. © Philip Dulian/dpa
Karlsruhe/Bamberg – Was vor zehn Jahren wie Science-Fiction klang, wurde mit Künstlicher Intelligenz (KI) zur Realität. Menschen führen mit digitalen Begleitern Gespräche, nutzen sie gegen Einsamkeit. Das birgt jedoch Risiken: Seit November 2023 forschen Experten an der Universität Aarhus zur sogenannten KI-Psychose. Demnach kann KI als Verstärker psychotischer Prozesse wirken.
Zu den häufigsten Nutzern von KI zählen junge Menschen. Für viele Erstsemester an Universitäten beginnt im Herbst eine Zeit der Einsamkeit. In der Umbruchphase von Schule zum Studium wollen neue Freundschaften geknüpft sein, nicht selten mit Chatbots, wie eine Untersuchung unter Studenten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ergab. Etwa die Hälfte der Befragten habe „Einsamkeit“ als Hauptgrund für die Nutzung von Chatbots angegeben, sagt die Leiterin der Studie, Ines Langemeyer.
Die Psychologin wollte wissen: Wie werden Chatbots genutzt, und was reizt am Kontakt mit der Maschine? Das Ergebnis: Manche nutzen die KI, um Tipps zu bekommen, andere, um sich zu unterhalten. Einige hätten angegeben, dass sie Chatbots menschlichen Kontakten vorzögen. „Es zeigt sich, dass es eine Art Sogwirkung des Chatbots gibt, die verführt, weil er nach dem Mund redet“, so die Wissenschaftlerin. Die Sprechweise der Chatbots sei „nach allen Regeln der Kunst geschult“, um Vertrauen aufzubauen. Auch sei in der Untersuchung deutlich geworden, „dass die Nutzer nicht bewertet werden möchten. Sie wollten ohne Scham sprechen können.“
Gerade bei psychosozialen Themen, bei denen es um das Wohlbefinden im Austausch mit der Umwelt geht, vermisse sie „Widerstand“ durch das Sprachmodell. Der Chatbot sei nur ein „verbaler Spiegel“, kein lebendiges Gegenüber, betont die Psychologin.
Aktuell gibt es mehrere Chatbots, die dafür entwickelt wurden, menschliche Beziehungen nachzubilden. „Replika“ gilt als eine der beliebtesten Plattformen zur Gestaltung eines KI-Partners mit mehr als 40 Millionen Nutzern, schreibt der US-amerikanische Psychologe Willis Klein auf der Website „Psychology Today“. Danach ist Einsamkeit nur ein Grund für eine Mensch-Maschine-Beziehung. Weitere Gründe seien etwa „der Wunsch, romantische oder sexuelle Fantasien in einer unbeschwerten und urteilsfreien Umgebung auszuleben“.
Digitale KI-Begleiter eröffneten neue Formen des sozialen Austauschs, die bislang Menschen vorbehalten waren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bamberg nach einer Befragung von 36 Replika-Nutzern. „Wir wollten wissen, ob es so etwas wie eine soziale Kommunikation mit einer Maschine geben kann“, sagt Wirtschaftsinformatiker Tim Weitzel. „Auch wenn sie menschliche Kommunikation nur imitieren, nehmen viele Nutzer sie als einzigartig und schwer ersetzbar wahr.“ Jederzeit eine Bestätigung zu bekommen, sei ein „großes Thema“. KI werde oft empathischer wahrgenommen als ein Gespräch mit einem Menschen.
Subjektiv scheint der AI-Companion viele Vorteile zu haben. Doch die Bereitschaft, Persönliches in kommerzialisierten, ungeschützten Räumen preiszugeben, hat eine Schattenseite. So ist unklar, was die Firmen mit den Daten machen. Deshalb ist in Italien die Nutzung von „Replika“ verboten.
„Der Chatbot lädt dazu ein, auch grenzüberschreitende Dinge zu tun“, warnt Langemeyer. Gerade Jugendliche könnten sich dazu herausgefordert sehen, die technischen Möglichkeiten zu missbrauchen. Für andere dagegen sei es „eher ein Tool für mehr Kreativität“. Der Chatbot imitiere lediglich Empathie und Gefühle, empfinde sie aber nicht. „Gefühle sollten eine Anbindung an die Realität haben.“