Gina H. bricht ihr Schweigen

von Redaktion

Der Fall des ermordeten achtjährigen Fabian: Angeklagte sagt erstmals vor Gericht aus

Familiendrama: Gina H. (re.) soll Fabian (u. li.), den achtjährigen Sohn ihres Partners, erstochen haben. Sie und ihr Verteidiger Thomas Löcker (li.) weisen die Vorwürfe zurück. © Wüstneck/dpa

Rostock – Die Angeklagte wirkt nervös. In der rechten Hand rollt sie unentwegt eine kleine Silberkugel, in der linken Hand hat sie ein Papiertaschentuch, vor sich einen Stapel 95 eng bedruckter DIN-A4-Seiten, die sie Seite um Seite vorliest. Es ist ihr Tag im Prozess um den getöteten achtjährigen Fabian. Die 30-Jährige soll das Kind heimtückisch ermordet haben. So sieht es die Staatsanwaltschaft. Die Angeklagte widerspricht.

„Fabian hat mir nie etwas getan, und ich hätte ihm auch nie etwas antun können. Hätte ich ihn ermordet, hätte ich mit Sicherheit das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu töten“, sagt die Frau, als sie die letzte Seite ihrer Erklärung liest. Die Staatsanwaltschaft hält sie für die Mörderin des Jungen, der am 10. Oktober 2025 getötet und erst vier Tage später in Klein Upahl gefunden wurde. Ihrer Darstellung nach traf sie den achtjährigen Jungen am 10. Oktober nicht. Stattdessen stieß sie erstmals drei Tage später an einem Tümpel bei Klein Upahl auf dessen Leichnam.

Zeugen hatten im Prozess ausgesagt, die Frau am 10. Oktober mit ihrem auffälligen Pick-up-Auto auf einem Feldweg in der Nähe des Fundortes gesehen zu haben. Die Angeklagte sagt, sie sei zwar am Tattag in Güstrow und auch in der Nähe des Fundortes bei Klein Upahl spazieren gewesen. Hätte sie die Tat begangen, wie ihr vorgeworfen werde, wäre sie mit Sicherheit „nicht so dumm gewesen“ und an Zeugen vorbeigefahren.

Sie räumt ein, die Leiche am 13. Oktober gefunden zu haben, als sie zweimal jeweils mit einem anderen Freund am Fundort gewesen sei. Die Freunde hätten ihr abgeraten, die Polizei zu rufen. Sie meldete den Fund erst am 14. Oktober. Laut Anklage lockte die 30-Jährige den Jungen zunächst aus seiner Wohnung in Güstrow und brachte ihn dann mit einem Auto zu einem Teich bei Klein Upahl. Dort habe sie ihn erstochen und den Leichnam anschließend in Brand gesetzt. Das Motiv soll mit dem Verhältnis der Angeklagten zu Fabians Vater und dem Ende dieser Beziehung zusammenhängen.

Aus den Aussagen der Angeklagten wird das schwierige Verhältnis der Frau zum Kindesvater deutlich, mit dem sie über mehr als vier Jahre eine On/Off-Beziehung führte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schildert sie. Für sie habe immer festgestanden, dass sie Fabian als Teil ihres Partners akzeptieren müsse und beide nur im Doppelpack zu haben seien. „Fabian war wie ein Ziehsohn für mich“, so die Angeklagte, die mit dem Vater wieder zusammen ist. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er mich verdächtigen würde.“

Mit „Fabis“ Vater kam es aber immer wieder zu Spannungen, auch weil sie eine ungeplante Schwangerschaft abgebrochen habe. Sie berichtet zudem von körperlicher Gewalt und von häufigem Alkoholgenuss des Mannes. Zugleich räumt sie aber auch eigene Eifersuchtsanfälle und Kontrollzwang ein. In Fabian habe sie sich oft selbst wiedererkannt, der wie sie Außenseiter gewesen sei, so die Angeklagte.

Richter Holger Schütt unterbricht die mehr als vier Stunden dauernde Verlesung der Erklärung mehrfach für Pausen – auch, um der Angeklagten, die teilweise in Tränen ausbricht, die Möglichkeit zu geben, sich zu beruhigen. Auf Nachfragen will sie nicht antworten. Es sei ein sehr schwieriger Tag für sie gewesen, erklärt Verteidiger Thomas Löcker.HELMUT REUTER, ANDRÉ BALLIN

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