Sorge um das „ewige“ Eis

von Redaktion

Deutschlands letzte Gletscher schmelzen – droht Sturzflut-Gefahr wie in Nepal?

1000 Menschen starben bei der Flut in Nepal. © AFP

Laura Schmidt von der Umweltstation Schneefernerhaus. © Warmuth/dpa (2)

Der Gletscher Höllentalferner unterhalb der Zugspitze bei Garmisch-Partenkirchen schmilzt seit 2021 rapide.

Kathmandu/Grainau – Ein Eis- und Felsabbruch hat die folgenreiche Sturzflut im Himalaja ausgelöst. Die Zahl der Todesopfer stieg am Dienstag auf über 1000. Viele fragen sich nun: Wäre eine solche Katastrophe auch in den Alpen möglich? Aus Beobachtungen und geologischen Ablagerungen sei bekannt, dass große Berg- und Gletscherstürze auch in den Alpen schon vielfach vorgekommen sind, sagt Oliver Korup, Leiter der Arbeitsgruppe Naturgefahren an der Universität Potsdam. Die Höhenunterschiede im Himalaja seien aber extremer – und damit die möglichen Fallhöhen und Reichweiten, mit Folgen für die gesamte Prozesskaskade vom Abbruch bis zur Sturzflut.

„Ähnliche Ereignisse können auch in den Alpen vorkommen“, sagt auch Jan Blöthe von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der Gletscherabbruch von Blatten in der Schweiz zum Beispiel sei von der Dynamik her vergleichbar gewesen. Entscheidender Unterschied sei die Größe des Ereignisses: „Erste Abschätzungen des Ereignisses in Nepal deuten auf ein etwa zehnmal größeres Volumen hin als bei dem Ereignis in Blatten vor einem Jahr.“

Beim Bergsturz von Blatten im Kanton Wallis waren im Mai 2025 Fels und Eis vom Birchgletscher ins Tal gestürzt und hatten große Teile des Ortes verschüttet. Der drohende Abrutsch war erkannt, das Dorf rechtzeitig evakuiert worden.

Wie stark der Klimawandel solche Extremereignisse beeinflusst, lässt sich den Experten zufolge noch nicht gesichert sagen. In den vergangenen Jahren habe es in verschiedenen Hochgebirgen eine Häufung großer Massenbewegungen gegeben, oftmals in Höhenlagen, in denen Permafrost vorkommt, erklärt Blöthe. Das Auftauen von alpinem Permafrost erhöht die Felssturzgefahr, weil gefrorenes Eis in Gesteinsklüften wie ein natürlicher Klebstoff wirkt, dessen Festigkeit bei Erwärmung drastisch abnimmt.

Schneearme Winter und heiße Sommer setzen Deutschlands letzten Gletschern massiv zu. Sie büßten schon von 2023 bis 2025 innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche ein. Rund eine Million Kubikmeter Eis gingen insgesamt verloren, wie eine Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) ergab.

Vom Blaueisgletscher und Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen gibt es nur noch klägliche Reste, sie könnten schon bald ihren Status als Gletscher verlieren. Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Nördliche Schneeferner betroffen sein. Am längsten wird sich absehbar der Höllentalferner im Zugspitzgebiet halten. Er liegt eher schattig und wird im Winter noch von Lawinen gespeist. Doch auch ihm gaben die Wissenschaftler zuletzt nur noch maximal zehn Jahre. Voraussichtlich in den 2030er-Jahren wird Deutschland somit keinen einzigen Gletscher mehr haben.

Auch dieses Jahr sei ein erheblicher Verlust zu erwarten, heißt es unter anderem bei der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze. Das sei nicht zuletzt am Nördlichen Schneeferner deutlich sichtbar, sagt Sprecherin Laura Schmidt, die vom Schneefernerhaus direkt auf diesen Gletscher blickt. Es liege mehr Schutt auf dem Eis. Weil das dunkle Gestein sich mehr erwärmt, könne dies das Abschmelzen weiter beschleunigen. Nur wenn eine dicke Gesteinsschicht auf dem Eis liegt, schützt sie dieses. Der Südliche Schneeferner hatte schon vor 2022 seinen Status als Gletscher verloren, unter anderem, weil er nicht mehr floss.

Die Wissenschaftler blicken mit wachsender Sorge auf die dahinschmelzenden Gletscher, aber auch auf den Umgang mit der Erderwärmung allgemein. „Leider muss man feststellen, dass im Umgang mit dem Klimawandel fast nur noch die Rede von Anpassung ist“, sagt Geograf Hagg.

Diskutiert werde etwa darüber, wie Städte zu kühlen und Wasser zu sparen sei. Kaum noch Thema sei, die Vermeidung, also Reduzierung, von Treibhausgasen. „Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, dass beide Strategien intensiv verfolgt werden“, sagt Hagg.

Auch den Skibetrieb in den Alpen trifft der Klimawandel. Im März endete am Zugspitzplatt eine Ära. Dort wurde Ende März der letzte auf einem Gletscher gebaute Lift in Deutschland demontiert.

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