Eine Demo nach dem Wahlsieg der AfD. © Büttner/dpa
Berlin – Es hat sich etwas verändert im Miteinander. Früher hätte man sich beim Nachbarn mit anderer Parteipräferenz meist noch Salz oder ein Ei geliehen. Heute kann allein die politische Überzeugung darüber entscheiden, ob man miteinander auf einer Party sein möchte, gemeinsam im Verein bleibt oder die Kinder zusammen spielen lässt. Politische Kategorien gingen in soziale über, erklärt der Sozialpsychologe Jonas Rees von der Universität Bielefeld. „Ich weiß, welche Partei du wählst – und glaube deshalb, zu wissen, wer du bist.“ Dadurch wachse die soziale Distanz zwischen den Lagern.
„In keinem anderen Staat der Welt ist die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Spaltung so stark ausgeprägt wie in Deutschland“, hieß es im „Ipsos Populism Report 2025“. Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Bundesbürger waren demnach der Ansicht, die Gesellschaft sei zerrüttet – noch einmal 16 Prozentpunkte mehr als 2021.
Gesellschaftliche Polarisierung zeigt sich längst nicht mehr nur in Wahlumfragen und politischen Debatten, sie verändert zunehmend auch den Alltag. Zwar sei es zutiefst menschlich und normal, sich sozialen Gruppen zuzuordnen, erklärt Rees. Das gelte für Merkmale wie das Geschlecht ebenso wie für lokale Zugehörigkeiten oder die Fanliebe zu einem Fußballverein. Solche Gruppen seien aber in stetem Kontakt – bei den Wahlentscheidungen sei das inzwischen anders: Immer häufiger seien Unterschiede in politischen Positionen ein Grund für Menschen, Kontakte zu meiden.
Der Dortmund-Fan habe den Arminia-Fan nach einem Spiel vielleicht mal grimmig über den Gartenzaun angeguckt – aber ihm jederzeit gern ein Ei geliehen. Die politische Position hingegen könne inzwischen bedeuten, nicht mehr als Teil der eigenen Gemeinschaft gesehen zu werden. Dann wird vielleicht der Nachbar keines Blickes mehr gewürdigt. „Es geht in unsere soziale Identität über, mit ‚denen‘ nichts zu tun haben zu wollen“, so Rees, Professor für Politische Psychologie und Sprecher des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt am Standort Bielefeld. Es könne zu Kontaktabbrüchen kommen, ganze soziale Kreise überlappten dann nicht mehr, sondern lösten sich voneinander.
Wertschätzendes Miteinander müsse das Ziel sein, betont auch der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es gelte, deeskalierend vorauszugehen, Vorbild zu sein. Andere würden dann automatisch mitgezogen, zeige die Zivilcourage-Forschung. Es brauche Brückenbauer in Vereinen, in Schulen, bei Ehrenämtern, Firmeninhabern und der Kirche. Er rate zudem Bürgermeistern dazu, eine Gruppe um Menschen um sich zu scharen, die sich gezielt für wertschätzenden Umgang einsetzen.