Brannenburg – Es regnet in Strömen. Sebastian Grill muss trotzdem aufs Dach. Der 18-Jährige Rosenheimer ist Kaminkehrer-Azubi und heute in einem Einfamilienhaus in Brannenburg im Einsatz. Oder besser gesagt: Auf dem Haus. Denn zu seinen Aufgaben gehört es, über eine Leiter auf das Dach zu klettern, von dort zum Kamin zu gelangen und diesen mit einer an einem langen Seil befestigten Kehreinlage zu reinigen. Auch bei Regen, der das Dach ganz glitschig macht.
„Gleich am ersten Tag meiner Ausbildung gab es eine Einführung zur Unfallverhütung“, erklärt der Azubi, als er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Dabei sei es etwa darum gegangen, in welchem Winkel man die Leiter sicher aufstellt, wie man sich auf dem Dach verhält, welche Schutzmaßnahmen es gibt. Denn auch wenn der Beruf des Kaminkehrers einem Laien vielleicht als riskant erscheinen mag – in punkto Sicherheit geht man keine Risiken ein. Deswegen darf der Azubi auch schon einige Tätigkeiten selber machen – obwohl er erst in der dritten Woche seiner Ausbildung ist. Sein Chef, Kaminkehrermeister Florian Käsweber, lässt seinen Schützling allerdings nicht aus den Augen. Käsweber ist bevollmächtigter Bezirkskaminkehrer und für das Gebiet rund um Flintsbach, Oberaudorf und Brannenburg zuständig. Heute hat sein Team bei Hildegard Stuhlreiter zu tun, einer langjährigen und regelmäßigen Kundin. „Kaminkehrer wurde ich eher durch Zufall“, erzählt Azubi Grill. Er habe während seiner Zeit auf der Mittelschule in Aising, wo er seinen Quali gemacht hat, noch keinen konkreten Berufswunsch gehabt. Auch eine Lehre zum Industriekaufmann habe ihn zunächst interessiert. Über die Eltern, Bekannte von Kaminkehrmeister Käsweber, kam schließlich der Kontakt zustande. In zwei jeweils einwöchentlichen Praktika bemerkte Grill dann: „Als Kaminkehrer hat man ja viel mehr Aufgaben, als ich dachte!“
Als Kaminkehrer ist man bei der Arbeit immer unterwegs
Denn nicht nur das eigentliche Säubern des Kamins, sondern auch das Erstellen von Energieausweisen oder die Unterstützung beim Brandschutz, etwa durch das Anbringen von Rauchwarnmeldern, gehört zum Arbeitsgebiet. „Außerdem ist man immer unterwegs“, sagt Grill. Kurzum: Für den 18-Jährigen schien es eine Arbeit, „die einfach Spaß macht“. Also absolvierte er den Ein-
stellungstest, der von der Innung vorgegeben ist und meldete sich erneut bei Meister Käsweber. Der stellte den jungen Mann als Lehrling ein, ohne eine weitere Bewerbung zu fordern. „Wir kannten uns ja schon und Sebastian hat gleich gut zu uns gepasst“, meint er. Auch die körperlichen Voraussetzungen, Fitness, Ausdauer und Schwindelfreiheit, brachte der Azubi mit.
Seit drei Wochen ist Sebastian Grill jetzt täglich auf den Dächern im Inntal im Einsatz. „Treffpunkt ist morgens um halb sieben in der Werkstatt in Rosenheim-Aising“, erklärt er. Von dort aus geht es dann zu den Häusern, deren Kamine gereinigt werden müssen. Diese Maßnahme ist wichtig für den Brandschutz, weil der Ruß im Kamin zu brennen anfangen könnte, wenn er nicht regelmäßig entfernt wird. Früher, als Brände noch eine viel größere Gefahr für die Menschen darstellten, war man immer froh, wenn der Kaminkehrer ins Dorf kam. Daher hat der Berufsstand seinen Ruf als Glücksbringer. Heute gibt es eine Kehrpflicht: Bis zu viermal im Jahr muss jeder Holzofen-Kamin gesäubert werden. Die meisten Hausbesitzer haben hierzu Verträge mit Florian Käsweber. Er ist nicht nur in Wohngebieten, sondern auf Gehöften und Almen in den Bergen unterwegs. „Da hat man immer eine Wahnsinns-Aussicht, wenn man auf dem Dach steht“, schwärmt Grill. Seinen ersten Besuch in der Berufsschule in München hat der Lehrling noch vor sich. Dort wird in Blockunterricht Theorie vermittelt. Rund um ein imaginäres Musterhaus werden im Laufe der drei Jahre die verschiedenen Lernfelder des Handwerks durchgearbeitet. Die nächste Aufgabe für den Kaminkehrer-Azubi wartet erst einmal im Keller des Hauses: Mit einem leistungsstarken Industriestaubsauger befreit er dort den Kaminanschluss von Ruß. Hausbesitzerin Stuhlreiter freut sich: Sie hat ihren Kamin für dieses Jahr reinigen lassen und die Kaminkehrer haben außerdem – hoffentlich – jede Menge Glück da gelassen.