Übergabe von Unternehmen

Heute schon an die Nachfolge gedacht?

von Redaktion

Gehen der Region Südost die Unternehmer aus? Diese etwas provokante Frage stellte sich die Hypovereinsbank und legt nach eigenen Untersuchungen überraschende Zahlen vor.

Thomas Kaiser

Rosenheim/Landkreis/ Wasserburg/Mühldorf – Rund 2300 Unternehmen stehen laut einer aktuellen Schätzung der HVB-Bank in der Region Oberbayern-Süd bis zum Jahr 2025 vor einer Übergabesituation. Das heißt: Die bisherige Geschäftsführung braucht bis dahin einen Nachfolger. Diese Zahl hat die Hypovereinsbank mit Hilfe der Regionalstatistik und eigener Berechnungen für Betriebe aus dem süd-oberbayerischen Wirtschaftsraum (Stadt und Landkreise Rosenheim, Mühldorf, Traunstein, Altötting, Berchtesgadener Land, Bad Tölz, Miesbach, Weilheim-Schongau) ermittelt, die mindestens zehn sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter beschäftigen. Damit in Verbindung stehen nach diesen Schätzungen rund 130000 Arbeitsplätze. Besonders betroffen sind laut HVB das produzierende Gewerbe – ohne Baugewerbe – und das verarbeitende Gewerbe, die zusammen 45 Prozent der Bruttowertschöpfung in der Region ausmachen. Schaut man noch genauer hin und betrachtet den „Wirtschaftsraum Rosenheim-Chiemgau-Mühldorf“, sind hier etwa 1100 Betriebe mit mindestens zehn Mitarbeitern bis 2025 vor einer Übergabe. Es geht dabei auch um 62000 Arbeitsplätze. Betroffen sind hier wieder vor allem produzierendes und verarbeitendes Gewerbe mit 18 und 22 Prozent Bruttowertschöpfung. „Allein in Stadt und Landkreis Rosenheim müssen 600 Unternehmen in den kommenden acht Jahren ihre Nachfolge regeln und damit Arbeitsplätze für etwa 32000 Menschen sichern“, sagt Thomas Kaiser, Leiter des Firmenkundengeschäfts in der Region Oberbayern Süd. Seine Erfahrung aus vielen Jahren in direktem Kontakt mit hiesigen Unternehmen: „In der Region haben wir mittlerweile mehr Übergabesituationen als Nachfolger, das hat sich in den letzten zehn Jahren noch einmal stark zugespitzt.“ Vor allem gehe es dabei um familiengeführte Betriebe. Die Gründe dafür sind meist in der demografischen Entwicklung zu suchen: Das Durchschnittsalter deutscher Unternehmer liegt bei über 50 Jahren, 40 Prozent sind älter als 55 Jahre – die Region Oberbayern Süd macht hier keine Ausnahme.

Mit dem Alter sinkt die Bereitschaft für Investitionen

Zum anderen steht die Unternehmensnachfolge bei vielen Geschäftsführern und Inhabern nicht unbedingt ganz oben auf der Tagesordnung, geht im Tagesgeschäft unter oder wird aufgeschoben. Dass sich das Verhältnis von übergabereifen Unternehmen und potenziellen Nachfolgern nahezu umgekehrt hat, bestätigt auch der DIHK-Report von 2016. Auch dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung zufolge verringert sich das Potenzial an Unternehmern. Mal eben den eigenen Nachwuchs in der Geschäftsführung installieren oder per Ausschreibung einen Nachfolger suchen: Ganz so einfach läuft es in der Praxis nicht. „Die Nachfolgeplanung kann zu einer richtigen Herausforderung werden“, warnt Kaiser, der in seiner Tätigkeit schon viele Unternehmensübergaben mit begleitet hat: „Eine ungeklärte Nachfolgesituation birgt viele Risiken. Es droht zum Beispiel ein Investitionsstau. Es kann bis zum Substanzverlust des Unternehmens und im schlimmsten Fall zur Schließung kommen.“ So befürchtet zum Beispiel auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), dass die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands aufgrund des Alterungsprozesses mittelfristig negative Auswirkungen haben wird: Ältere Firmenchefs würden weniger investieren als junge, und stünde kein familieneigner Nachfolger an, würde sogar noch mehr gebremst. Auch Innovationen würden dann vernachlässigt.

Nachfolger unterschätzen oft Finanzbedarf

Dies alles hat schließlich negative Folgen für Mitarbeiter, Kunden, Kapitalgeber, Städte und Kommunen. Kaiser rät, für eine Nachfolge einen mehrjährigen Vorlauf einzuplanen. Auch dann, wenn Unternehmen in der Familie übergeben werden. Was bei gut der Hälfte der Fall sei. „Weitere Möglichkeiten sind die Übergabe an einen Mitgesellschafter, einen Mitarbeiter oder an eine andere Firma.“ Aus der Praxis heraus weiß der Banker, dass sich Probleme finanzieller Art oft erst nach der Übernahme zeigen: Etwa, wenn der Nachfolger den Investitions- oder Restrukturierungsbedarf unterschätzt habe. Letztlich muss ein Nachfolger, selbst wenn er aus der Familie kommt, einen Übernahmepreis bezahlen, für den ein geeigneter Finanzierungsmix individuell gefunden werden muss. Warum sich Unternehmer auf jeden Fall heute schon mit ihrer Nachfolge beschäftigen sollten, liegt für Kaiser auf der Hand: „Hier geht es um das eigene Lebenswerk, das erhalten werden soll.“ Nichts sei emotionaler, als die Übergabe des eigenen Unternehmens.

Nicht immer mit Familie

„Nicht immer ist die Übergabe innerhalb der Familie für das Unternehmen die beste Lösung“, gibt Thomas Kaiser zu bedenken, auch wenn rund 50 Prozent der Übergaben, die man bei der HVB erlebe, familienintern abliefen. Manchmal mache etwa ein „Management-Buy-out“ mehr Sinn. Dabei erwirbt das Management im Haus die Mehrheit des Kapitals von den bisherigen Eigentümern. Umgekehrt gibt es auch die Möglichkeit des „Management-Buy-ins“, bei dem sich Führungskräfte von außen ins Unternehmen „einkaufen“. Beim „Employee-Buy-in“ übernehmen (meist langjährige) Mitarbeiter das Ruder. Schließlich kann sich der Unternehmer auch ganz vom Betrieb lösen, indem er es an Dritte verkauft. Auch Mischformen dieser Nachfolge-Varianten sind möglich. So kann beispielsweise allein die Führung an Dritte abgegeben werden, das Kapital bleibt bei der Inhaberfamilie – oder umgekehrt. Auch die Beteiligung eines strategischen Investors kann im Einzelfall eine Lösung sein.

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