Rosemarie und Josef Grandl (Mitte) bei der Verleihung des Bayerischen Gründerpreises im September 2017 in Nürnberg. Foto re
Von Landwirten wird oft verlangt, sie sollen sich zusätzlich eine „Nische“ suchen. Bei Ihnen hat sich die „Nische“ zum Unternehmen entwickelt. Wie war dieser Sprung für Sie?
Josef Grandl: Ich war 23 Jahre, als ich den Hof meiner Eltern übernahm. Ich hatte mit der Zeit herausgefunden, dass die optimale Fütterung der Tiere mehr Einfluss auf die Milchleistung hat als die Züchtung und schneller einen Effekt zeigt. Ich dachte mir, mein optimales Futter kann ich auch selbst mischen und fing in einer Scheune damit an. Mein Start war kapitalextensiv, es gab keine großen Rücklagen. Ich war ein bodenständiger, ehrfürchtiger Gründer.
Rosemarie Grandl: Die Landwirtschaft bietet viele Möglichkeiten, Neues nebenbei auszuprobieren. Man hat meistens viel Platz, um sich auszubreiten, muss nicht gleich in teure Maschinen investieren, kann Leihdienste nutzen. So wie wir es gemacht haben.
Mut gehört trotzdem dazu. Würden Sie heute wieder so handeln?
Josef Grandl: 20 Jahre später? Ja, würde ich. Ich habe jetzt die perfekten Voraussetzungen zum Gründer – aber ich weiß auch, was schiefgehen könnte und was alles auf einen zukommt. In unserem Fall Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung, Registrierungen, die Bürokratie, die verschiedenen Zertifizierungen …
Was unterscheidet den früheren Landwirt Josef Grandl vom heutigen Unternehmer?
So groß ist der Unterschied gar nicht. Unternehmergeist hatte ich schon auch früher. Ich habe, was unter Landwirten eher untypisch ist, in jungen Jahren schon unsere Maschinen verkauft und eine Maschinengemeinschaft gegründet. Ich fand es sinnlos, den ganzen teuren Fuhrpark allein zu tragen und zu nutzen. Und ich wälze schon immer während eintöniger Arbeit nebenher Zahlen im Kopf. Ich rechne ständig etwas durch, vergleiche Leistung, Kosten, Nutzen, ich hinterfrage laufend alles Mögliche.
Sie, Rosemarie, haben einen eigenen Hof in Hochreit. Futtermittel Grandl hat seinen Sitz auf dem Hof Ihrer Eltern in Oed, Herr Grandl. Zwei Höfe, ein Unternehmen, drei Schulkinder. Wie schaffen Sie das alles?
Rosemarie Grandl: Wir haben zunächst die Milchproduktion mit meinem Hof in Hochreit zusammengelegt und optimiert. Dann haben wir die gesamte Landwirtschaft ökonomischer gestaltet. Inzwischen haben wir die Milchwirtschaft reduziert und halten auf beiden Höfen Jungtiere, in Hochreit auch Zuchtvieh.
Josef Grandl: Zu schaffen ist das nur mit guten Mitarbeitern. Die Außenwirtschaft wie Feldarbeit und Pflügen organisieren wir nach wie vor selbst, nur wenn die Zeit dafür fehlt, geben wir sie in Auftrag. Das war ein schwerer Schritt für mich, weil ich die Feldarbeit schätze. Als Unternehmer kann ich halt nicht immer nur das machen, was ich gern tue. Als Bauer siehst du, welche Arbeit du geleistet hast. Im Büro empfängt dich am nächsten Tag oft die selbe Zettelwirtschaft wie am Tag davor (lacht).Das Unternehmerdasein bedeutet also täglich ein kleiner Abschied vom Landwirt-Sein?
Josef Grandl: Als Abschied würde ich es nicht bezeichnen, ich habe mich aus vielen Bereichen zurückgezogen. So manche Auslieferung mache ich sogar noch selbst, etwa, wenn wir ausnahmsweise samstags ausfahren. Oder zur Hohen Asten, da liefern wir persönlich hin und verbringen dort einen schönen Tag mit unseren Kindern. Die Kunden spüren, dass man vom Fach ist, der Bezug sollte nie ganz verloren gehen.
Rosemarie Grandl: Wir könnten uns auch nicht ganz von der Landwirtschaft lösen. Getreide zu sähen und es später zu ernten, finde ich besonders schön. Das gehört zu den wichtigsten Erfahrungen, die wir an unsere Kinder weitergeben wollen.
Welches Echo kam von den anderen Landwirten, als sich zeigte, Sie ziehen ein Geschäft auf?
Josef Grandl: Die Rückmeldungen von Kollegen waren positiv. Nur die Behörden haben uns abgeraten, auf diesen Zug aufzuspringen.
Natürlich sind wir uns bewusst, dass wir mit den großen Futtermittelherstellern konkurrieren. Aber unser System ist ganz anders aufgebaut, wir haben eine andere Logistik. Wir stellen Futter nach individuellem Rezept des Kunden zusammen. Ich war schon immer der Meinung, wo große Räder fahren können, hat auch ein kleines Rad Platz.
„Die Vier-Tage-Woche war die richtige Entscheidung.“
Josef Grandl
Als Bauer, dessen Hof schon seit Generationen bewirtschaftet wird, ist man meist fest verwurzelt im sozialen Leben der Ortschaft, etwa in Vereinen. Haben Sie dafür noch Zeit?
Josef Grandl: Ich habe damit gar nicht aufgehört – Zum Beispiel bin ich für Rosenheim-Land der Vorsitzende des Verbands für Landwirtschaftliche Fachbildung. Wir sind im Schützenverein, meine Frau ist in einigen Musikgruppen aktiv. Aber es stimmt, die Zeit dafür ist nicht üppig.
Soziale Verantwortung haben Sie jetzt auch als Arbeitgeber. Wie gern sind Sie und Ihre Frau die Chefs?
Josef Grandl: Kommunikation auf Augenhöhe ist uns wichtig, dass Mitarbeiter am Betriebsergebnis beteiligt sind, sich identifizieren. Wir haben mittlerweile die Vier-Tage-Woche eingeführt…
Rosemarie Grandl: …dadurch hat jeder Mitarbeiter pro Woche einen festen, freien Tag, der sich für ihn durchs ganze Jahr schiebt.
Josef Grandl: Grundsätzlich musste ich lernen, noch mehr Verantwortung abzugeben und mehr zu vertrauen, anstatt viel zu kontrollieren. Das geht nur, wenn man klare Anweisungen gibt. Arbeitnehmer wollen einen Chef, der ihnen die Richtung vorgibt, ist meine Überzeugung.
Rosemarie Grandl: Mitarbeiter-Führung ist das Thema, über das wir beide häufig diskutieren. Das, worüber wir besonders intensiv reden, ist erfahrungsgemäß das, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Worüber man nicht sprechen braucht, läuft von selber.