Die Diskussion um den „arbeitsfreien Sonntag“ ist nicht neu. Schon in den 1970er-Jahren hieß ein medienwirksamer Spruch: „Sonntags gehört Papi mir.“ Kirchliche und gewerkschaftliche Gruppen und Verbände haben nun eine Petition an die Geschäftsführung von Karstadt und Galeria Kaufhof gerichtet. Tenor: Lasst uns den freien Sonntag. Diese Warenhäuser fordern in der Initiative „Selbstbestimmter Sonntag“ die völlige Abschaffung des freien Sonntags im Einzelhandel. Die Geschäfte sollen künftig an allen 52 Sonntagen im Jahr öffnen können. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen darüber mit Alfred Hilscher, Vorsitzender des Dekanatsrats Inntal und KAB-Kreisvorsitzender.
Die „Sonntagsallianz“: Was verbirgt sich dahinter und wer unterstützt diese Aktion?
Die bayerische Allianz für den freien Sonntag ist eine kirchlich-gewerkschaftliche
Initiative. Träger sind die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, der kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, die Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, die katholische Betriebsseelsorge und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Die Sonntagsallianz wird von zahlreichen weiteren Organisationen unterstützt. In Stadt und Landkreis Rosenheim sind dies die katholischen Dekanate und die evangelisch-lutherische Kirche, der DGB und Verdi Rosenheim, die Caritas, Diakonie, KAB und Betriebsseelsorge, der Kreiskatholikenrat, das Bildungswerk und der VDK. Weite Teile der Bevölkerung unterstützen die Sonntagsallianz. 95 Prozent der Befragten haben sich bei der jüngsten Umfrage in der Fußgängerzone dafür ausgesprochen, den freien Sonntag zu erhalten.
Wieso liegt Ihnen der „freie Sonntag“ so am Herzen?
Am 3. März 321 n. Chr. erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt: „Alle Richter, Staatsleute und Gewerbetreibenden sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen.“ Dies gilt als erstes „staatliches“ Sonntagsgesetz. Ich will es mal so bezeichnen: Der Sonntag muss uns heilig und schützenswert sein und bleiben. Wir brauchen den Sonntag zum Ausruhen, für unsere Familien, für unsere Freunde. Diesen Tag brauchen wir auch, um unseren Glauben zu leben, für Gottesdienstbesuche und Gespräche, Besuche von Freunden. Wir leben nun mal in einer Region, in der die christlichen Werte zählen und sich viele Menschen daran halten. Der Sonntagsschutz ist in der Verfassung verankert.
Das Warenhaus Karstadt führt mit Unterstützung durch andere die Initiative „Selbstbestimmter Sonntag“ an. Ziel: Abschaffung des freien Sonntags im Einzelhandel. Die Kunden dürfte dies freuen, oder?
Den ein oder anderen Kunden wird dies sicherlich freuen. Aber ich frage Sie, wie weit sind wir eigentlich gekommen, wenn die Einkaufsmöglichkeit am Sonntag zu einer der wichtigsten Beschäftigungen wird. Der Sonntag ist als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ zu sehen und bislang wirksam geschützt. Würde sich diese Initiative durchsetzen, hätte dies nicht nur tief greifende Folgen für rund drei Millionen Handelsbeschäftigte, sondern würde den Sonntag insgesamt in Frage stellen. Verkäuferinnen arbeiten bereits heute flexibel, sehr oft auch am Abend oder samstags, wenn andere Erwerbstätige frei haben. Umso wichtiger ist der freie Sonntag für sie. Und übrigens: Das Budget im Geldbeutel der Menschen wird nicht größer – wer am Sonntag einkauft, wird an den Werktagen nicht mehr zum Einkaufen gehen.
Häufig ist von Seiten des Handels das Argument zu hören, durch die Öffnung dem Internethandel entgegenzuwirken. Wie sehen Sie das?
Ich glaube nicht, dass man mit der Sonntagsöffnung im Einzelhandel dem Internethandel entgegenwirken kann. Menschen, die im Internet einkaufen und bestellen, tun dies auch am Sonntag. Wem Ladenöffnungszeiten bei uns in Bayern von Montag bis Samstag von 6 bis 22 Uhr nicht reichen, dem ist sowieso nicht zu helfen. Der Sonntag ist das Wochenende im Einzelhandel.
Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung am Sonntag?
Als praktizierender Christ und Mensch mit Familie und vielen Ehrenämtern ist es nicht immer einfach. Wenn ich am Sonntag nicht gerade ehrenamtlich oder mit der Musikkapelle unterwegs bin, hat der Gottesdienstbesuch vormittags einen großen Stellenwert für mich.
Interview: Sigrid Knothe