Seeon – Mit dem Unternehmensberater der Roland Berger GmbH, Burkhard Schwenker, hatte der Seeoner Kreis bei seinem jüngsten „Seeoner Gespräch“ einen der renommierten Experten zum Thema Führung und Führungsverhalten eingeladen. In seinem Vortrag vor Vertretern der regionalen Wirtschaft, Wirtschaftsinstitutionen und Politik ging es darum, wie Unternehmen in einer Welt der Ungewissheit Sicherheit und Orientierung finden und sie selbst auch ihren Mitarbeitern vermitteln können. Schwenker grenzt Ungewissheit von Begriffen wie Risiko und Unsicherheit streng ab: „In ungewissen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, ist nicht abzusehen, welche Ereignisse konkret eintreffen und ob sie das überhaupt tun.“ Ob Flüchtlingsströme, Klimawandel, internationale politische Ereignisse oder technologischer Wandel: Ungewissheit betreffe alles und jeden, sie sei „lebensrealistisch“. Unternehmen wüssten nie genau, wann die nächste digitale Entwicklung komme oder etwa der nächste geopolitische Konflikt, der die eigenen Planungen möglicherweise über den Haufen werfe. Schwenker gab in seinem rasanten, inhaltsreichen Gastbeitrag den Zuhörern viele Handlungsempfehlungen aus der Strategiepraxis mit auf den Weg, um mit dieser Ungewissheit und Komplexität im Unternehmensalltag umgehen zu können. So empfahl er Führungspersonen, sich stets eine eigene Meinung zu bilden, diesen spezifischen Standpunkt auch gegen den Trend zu verteidigen und sich von im Vorfeld festgelegten, strategischen Stoßrichtungen zu verabschieden: „Wie soll ein Unternehmen auf ein unerwartetes Ereignis flexibel reagieren können, wenn es zu den immer selben, fixen Zeitpunkten Vorstandssitzungen veranstaltet und mit den immer gleichen strategischen Planungsinstrumenten arbeitet?“
Mehr Denken statt vorschnelles Handeln?
Eine Möglichkeit, die ihnen Flexibilität und den Mitarbeitern Orientierung biete sei daher, Strategie in Unternehmen grundsätzlich neu zu denken: „Das bedeutet aktive Einflussnahme und ständige Reflexion.“ Führungspersonen müssten sich der Ungewissheit immer bewusst sein und ein interdisziplinäres, unkonventionelles Strategiedenken im Unternehmen verankern. Mehr noch, forderte Schwenker: „Das strategische Denken und die Erstellung von Zukunftsszenarien müssen wieder Chefsache werden“, forderte der Berater, was nur in einem Umfeld möglich sei, welches Führungspersonen auch die dafür nötige Zeit zubillige und darin nicht nur eine „gelegentliche intellektuelle Arbeit“ sehe. Die Realität sei momentan noch, dass das Tagesgeschäft dies nicht zulasse, dass das Denken aktuell nicht den Stellenwert habe, den es in einer ungewissen Welt aber brauche. „Das Handeln wird oft überschätzt oder es wird zu vorschnell gehandelt. Wir denken nicht breit genug, sondern fallen zu schnell allgemeinen Denkmustern zum Opfer, bewerten unseren eigenen Wissensstand zu hoch und sind zu sehr an Zahlen orientiert“, konfrontierte Schwenker sein Publikum mit seinen Beobachtungen aus der Praxis. Für ein neues, strategisches Denken und Führung, die zu Reflexion bereit sei, müsste Strategie zum Event werden, müsste die Zusammenarbeit zwischen Vorständen und Aufsichtsrat, zwischen Beirat und Unternehmensführung sich wandeln. Abschließend hatte der Stratege konkretes Handwerkszeug für die Unternehmer dabei, wie sie im Alltag für mehr Stabilität sorgen können: zum einen interdisziplinäres Denken und den abteilungsübergreifenden Austausch im eigenen Haus fördern. Zum anderen den „Brückenschlag zwischen betriebswirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Denken verbessern und mit geopolitischem Wissen verknüpfen.“ Entscheidend sei auch, wie der Nachwuchs ausgebildet werde: „Wir müssen an den Hochschulen die Theorie wieder zulassen, Absolventen auch in Fächern wie Philosophie ausbilden.“ Es ginge darum, „das Denken zu lernen, statt praktische Fähigkeiten, die in fünf Jahren schon wieder veraltet sind.“ Führungskräfte, lautete Schwenkers Fazit, sollten „persönlich für Werte einstehen“. Eine optimistische Grundhaltung der Chefs eines Unternehmens vermittle außerdem: „Es gibt die Chance, auch angesichts der Ungewissheit auf etwas Größeres, Besseres zu stoßen.“
sen